Studienreisen Private Fernreisen
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02. - 04. 05. 2012   Huaraz und die Cordillera Blanca


Als wir 2. Mai um 6 Uhr 30 in Huaraz mit dem Nachtbus, gerädert und verschlafen, eintreffen, lassen wir uns auf Empfehlung unseres Reiseführers in das 7 km entfernte Baños de Monterey bringen, wo die Thermalbäder in einen Hotelkomplex eingebunden sind. Die Augen, noch von Sandmännchens sand verklebt, haben auf den ersten Blick nur den verblichene Charme entdeckt. Außerdem entzückt der niedrige Preis. Als der Nachholbedarf an Schlaf einigermaßen gedeckt ist, enthüllt sich die ganze Erbärmlichkeit der Örtlichkeit. Die Zimmer, das ganze Haus derart heruntergekommen, kein Restaurant, kein Service. Das Hotel nur von zwei alten freundlichen Männern auf dem niedrigsten Stand gehalten. Auch die Farbe des Thermalwassers lädt nicht gerade zum Schwimmen ein. Und nur der äußerste Rand des Beckens zur Quelle hin ist einigermaßen warm. Katrin ist total unglücklich, außerdem schmerzt ihr Arm, der sie schon einige Tage mit schmerzvollem Ziehen belästigt hat, dermaßen, dass sie es kaum aushält. Auch die überaus liebliche Natur, die das Bad umgibt, kann die traurige Katrin nicht aufheitern. Wir fahren erst einmal mit einem Collectivo nach Huaraz, um wenigstens mal zu frühstücken. Wir beschließen zum Ausgleich das beste Hotel in Huaraz, Club Andino, zu inspizieren, ob wir da nicht den nächsten Tag umziehen. Das von einem Schweizer geführte Haus überzeugt sofort, so dass wir für den nächsten Tag reservieren, da Katrin den Ausflug nach Chavín de Huantár nicht mitmachen, sondern sich einmal ganz der Pflege (+Massage) ihres Armes widmen möchte. Während ich bei verschiedenen Agenturen Ausflugsangebote einhole, fährt Katrin schon mit dem Taxi nach Monterrey, um sich auszuruhen vor dem Abendbesuch bei der Familie in Jangas. Für den 3. Mai habe ich bei der Agentur „Mirador Travel“ einen Ausflug nach Chavin gebucht. Für den 4. Mai klingt das Angebot eines Ausflugs zum „Lake 69“ verlockend. Wenn Katrin einverstanden ist, werden wir das auch buchen.

Nach telefonischer Vorankündigung fahren wir mit dem Taxi in das Dorf Jangas. Dort hat der Neffe Lennart, von Frau Bauer aus Gundelfingen, ein halbes Jahr gelebt. Nun sind wir beauftragt, der Gastfamilie Cerna Chincha persönlich ein Geldgeschenk zu überreichen.  In der kleinen Tienda der Familie hocken zwei angetrunkene Männer des Dorfes, die uns in politische Debatten verwickeln wollen. Schließlich gelingt aber doch der persönliche Kontakt zur Familie. Mutter Luisa, Vater Alejandro und die Söhne Miguel und Gary freuen sich sehr über das Geschenk und dass Frau Bauer und Lennart an Sie gedacht haben. Übergabe und Dank werden mit Foto und Film (eine Idee der Eventmanagerin Katrin) fest gehalten. Schließlich bringen uns Miguel und Gary noch an ein Collectivo, das uns für 2 S. nach Huaraz zurückbringt. In der überaus hässlichen Stadt finden wir doch einen kleinen Platz mit hübschen Restaurants. Das Restaurant „Encuentro“ bietet alles, was unser Herz begehrt, Pisco Sour, ein hervorragendes Essen (für mich Kaninchen, für Katrin Curryhuhn) und Wifi, um weiter am Netz zu bleiben.

Noch einmal schlafen im Hotel Monterey ist zu schaffen mit der Aussicht auf das großartige Hotel Andino Club am nächsten Tag.

 

3. Mai  Chavín de Huántar

Der Transfer von Monterey zum Hotel Club Andino um 7 Uhr mit unserem umfangreichen Gepäck klappt wunderbar. Wir können sogar sofort das Zimmer beziehen und vom Balkon einen unvergesslichen Blick in die von der Morgensonne angestrahlten weißen Riesen der Cordillera Blanca werfen. Max von Mirador Travel holt mich rechtzeitig ab. Es dauert aber noch eine ganze Weile, bis alle Mitreisenden in dem mittelgroßen Bus eingesammelt sind, so dass wir schließlich gegen 10 Uhr die eigentliche Reise starten. Ein verdächtiges Klappern am Bus und der leichte Geruch nach Cornflakes erinnern mich auffallend an unseren Havariebus im Colcatal. Die Folge: der Bus fährt sehr langsam. Da ich der einzige Nichtperuaner (ein Niederländer, der mit einer Peruanerin verheiratet ist und schon seit geraumer Zeit hier lebt, zählt nicht) donnert der Reiseführer seine Erklärungen in einem kontinuierlichem Redestrom ohne Punkt und Komma über uns, so dass ich vielleicht gerade mal ein Drittel raffen kann. Gottseidank unterbrechen Mitreisende seinen Redeschwall an einer schönen Stelle, wo man mehrere Bergriesen der Cordillera sieht. Der bizarre Nevado Huatsan (6.395 m), den die Peruaner den K2 von Peru wegen der ähnlichen Berggestalt und den ähnlichen Schwierigkeiten, ihn zu besteigen, nennen, schält sich gerade aus einer Wolkendecke. Auf der Südseite thront der Nevado Pongos (5.680 m), geradezu ein Zwerg dagegen, aber immer noch sehr eindrucksvoll. Unseren ersten Halt an der Laguna Querococha (3.980 m) nutze ich, um mich von dem Wortgewitter unseres Reiseführers zu erholen. In dem schönen Bergsee spiegelt sich der Nevado Yanamarey (5.237 m), Lamas bilden den Vordergrund für Fotos, wie bestellt. Als der Bus sich auf der nun nicht mehr asphaltierten Straße in die Höhe schraubt, macht sich bei einigen Reisenden die Höhenkrankheit bemerkbar. Immer wieder muss er anhalten, damit sie ihren Mageninhalt am Straßenrand entleeren, bis wir bei 4.516 m durch den Tunnel Kawish in die Provinz Chavin durchstoßen. Auch der segnende Christus über dem Tal verschafft den Höhenkranken keine deutliche Erleichterung. Erst als wir in Chavín (3.140 m) eintreffen, beruhigen sich Kreislauf und Mägen der Mitreisenden.

Der Ruinenkomplex, 1919 von dem Archäologen Julio C. Tello entdeckt, bleibt eines der ganz großen Geheimnisse der präkolumbianischen Kulturen Südamerikas. Die Ruinen eines riesigen Zeremonialkomplexes mit einem Zentraltempel, mehreren Plätzen, einer davon rund, werden um ca. 1000 v. Chr. angesetzt. Damit ist Chavín der Anfang aller andinen Hochkulturen. Hier erkennt man auf vielen Stelen dieses eigenartigen Mischwesen von Tier und Mensch, das wir auch schon in Tihuanaco gesehen haben oder das dem Schöpfergott Viracocha der Inka sehr ähnelt. Wir müssen also von einer kontinuierlichen Entwicklung der Kulturen über 2.500 Jahre rechnen. Alle Symbole des inkaischen Weltverständnis, Kondor für die Himmelssphären, Puma für die Bergregion, Schlangen für die Erde und Unterwelt, sind hier schon vorgeprägt. Gerne hätte ich mehr über diese Anlage erfahren, aber dem Wortschwall des Führers, der jeden Grashalm erklärt, sind außer ein paar Fakten, die ich ohnehin schon kenne, nur abstruse Spekulationen, soweit ich es überhaupt verstehe. Gottseidank ist Katrin nicht dabei. Sie würde ohnehin nicht viel verstehen. Aber jeden eigenen Schritt ahndet der Reiseführer mit bösem Pfeifen, sie hätte keine Möglichkeit, sich die Ruinen auf eigene Faust anzuschauen. Hoch eindrucksvoll sind die Labyrinthe unter dem Hauptkomplex, ein unterirdischen Gang steht der „Lanzon“, ein 4,50 m hoher Granitmonolith mit einer Figur, die die Form eines riesigen Messers hat, auf dem ein Raubtiergesicht mit langen Zähnen und Schlangenhaaren abgebildet ist. Es könnte einem gruseln, wenn man die geheimnisvollen Riten und Opferzeremonien denkt, die hier vielleicht stattgefunden haben. Aber auch andere labyrinthische Gänge erinnern mich sehr an den Palast von Knossos auf Kreta. Das riesige Hauptbauwerk ist erdbebensicher aufgebaut und perfekt austariert. Ursprünglich war es von vollplastischen Dämonenköpfen, „cabezas clavas“ (Nagelköpfen) geschmückt, die sich jetzt in dem kleinen, sehr sehenswerten Museum befinden, in dem ich auch eine Vase gefunden habe, wo eindeutig Menschenopferung mittels Halsschlagaderaufschneidens dargestellt ist.

Die Rückfahrt müssen wir wegen des überausführlichen Führers ziemlich spät gegen 17 Uhr antreten, so dass wir erst nach 20 Uhr wieder in Huaraz ankommen. Leider kann ich Katrin nicht verständigen, da mein Prepaidkonto auf dem Handy erschöpft ist. Aber es klappt noch alles und wir speisen gepflegt im Hotel.

 

4. Mai  Laguna 69    Honni soit qui mal y pense (ein Schelm, wer Böses dabei denkt)

Schon um 6 Uhr holt uns Max im Hotel ab. Der noch angekündigte Engländer für diese Tour puppt sich als die 25jährige Catherine Captain aus Stratford on Avon, der Geburtsstadt Shakespeares, heraus. Mit Iwan, unserem 25jährigen Bergführer, fahren wir mit dem Taxi zunächst nach Yungai (1 Stunde), wo wir frühstücken. Dann geht es fast zwei Stunden nach Osten hinan in den Nationalpark Huascaran. Den Bergriesen mit seinen 6.768 m der zweithöchste Berg des Kontinents, sehen wir gerade noch, bevor ihn eine Wolkendecke verhüllt. In den Seen Llanganuco auf 3.850 m spiegeln sich die Eisreisen von Huascaran und Huandoy (6.150 m), ein unvergleichlicher Anblick. Dass auf dieser Höhe noch Rinder grasen, überrascht uns, das sollte aber längst nicht die höchste Alm sein. Eigentlich waren diese Seen mein eigentliches Ziel für diesen Tag. Annett aus Lima hat Katrin aber so von dem Lake 69 vorgeschwärmt. Deshalb will sie da unbedingt hin. Gut so, denn sonst hätten wir eines der eindrucksvollsten Naturerlebnisse versäumt. Hinter den Seen beginnt unsere Wanderung, zunächst durch ein Hochtal mit vielen frei umherlaufenden Rindern. Dann beginnt der Aufstieg, sehr gemächlich, aber kontinuierlich ansteigend an einem Steilabbruch entlang bis zu einem kleine hübschen See, der einen imposanten Wasserfall speist. Den Nevado Yanapaqcha (5.347 m) immer im Seitenblick wandern wir über eine Hochalm, die trotz 4.200 m  immer noch vielen Rindern um diese Zeit Futter und Lager bietet. Nun beginnt der Steilanstieg über die Endmoräne zum eigentlichen Ziel, dem Lake 69. Katrin kämpft mit der Höhe, schließlich erreicht sie bei 4.767 m den kleinen Pass, der dann zum See hinunter führt. Chapeau Chapeau!!! Dies ist der höchste Punkt, den sie je mit eigener Kraft erreicht hat.

Der See, Laguna 69 (bitte keine abwegigen Gedanken! Der Name rührt von der Kartierung der markanten Punkte des Nationalparks Huascaran nach Ziffern. Die Einheimischen haben ihn offenbar nicht gekannt, nur den Gipfeln Namen gegeben.) liegt unter uns, ein wahrlich lohnendes Ziel für viele Anstrengungen! Er besticht durch ein unglaubliches Hellblau. Dergleichen habe ich nie zuvor gesehen. Die Eiswände des Chacraraju (6.112 m) fallen senkrecht in den See. Leider verhüllen Wolken die himmelstürmenden Gipfel. Wir sind überwältigt. Langsam müssen wir den Rückmarsch antreten. Es fällt schwer, sich von dem zauberhaften See zu trennen. Zum Abschied befreien sich die Gipfel des Chararaju noch einmal aus den Wolkenbänken. Welch ein Anblick! Nirgends in den Alpen, selbst die Ostabstürze des Monte Rosa bei Macugnunaga bieten ein solche Szenerie. In 2 Stunden schaffen wir es hinunter bis zu den Lagunas de Llaganuco, wo unser Taxi schon auf uns wartet. Bisher hatte das Wetter gehalten, aber kurz vor dem Ziel peitscht noch mal der Regen über uns und lehrt uns, dass der Tag auch ganz anders hätte ausgehen können. Den Tag mit Catherine haben wir sehr genossen. Ihr gepflegtes British English nach all dem Englisch-Radebrechen der Einheimischen habe ich sehr genossen.

In unserem Restaurant „Encuentro“ lernen wir eine nette und interessante Familie aus Chile kennen. Leider müssen wir schon bald zum Terminal unseres Busses nach Trujillo aufbrechen, so dass wir gerade mal Adressen austauschen können.

 

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