2018 USA  Ostküste
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Tagebuchaufzeichnungen  USA Ostküste

25.+26.10.2018 Von Waldkirch nach Harpers Ferry, West Virginia

 

Zwischen unserer Studienfahrt „Schriftsteller im Tessin“ und dem Abflug in die Neue Welt hatten wir gerade mal 4 Tage Zeit, die weder zum Luftholen noch zur ausführlichen Vorbereitung auf das Neue Raum ließen, zumal sich Katrin auch noch um ihre Mutter kümmern musste. Nichtsdestotrotz am Donnerstag, dem 25.10. standen wir mit ausreichend Gepäck am Bahnhof Batzenhäusle, um uns nach Freiburg zum ICE Anschluss Richtung Frankfurt-Flughafen bringen zu lassen. Schon in Freiburg zitterten wir, ob wir dort planmäßig abfahren konnten, denn die Durchsage verlangte mehrfach dringend nach dem Besitzer eines herrenlosen Rucksacks. Da schon vergangene Woche aus ähnlichem Anlass für 2 Stunden der Bahnhof evakuiert werden musste, bangten wir bis zur Einfahrt unseres ICEs, dass wir eventuell nicht rechtzeitig zum Flugplatz kommen würden. Aber es hat dann doch alles störungsfrei geklappt. Nur ein letztes Hindernis stellte sich in den Weg: bei der Sicherheitskontrolle wurden seltsamerweise geringste Spuren von Sprengstoff an meiner Kamera gemessen, so dass sich erst die Bundespolizei von meiner Harmlosigkeit überzeugen musste. Es sollte also bis zuletzt nichts einfach und geräuschlos ablaufen.

 

Immerhin vergingen die 8 Stunden und 45 Minuten Flugzeit in der United Airlines Maschine dank der Filmchen rascher als befürchtet. Auch die Formalitäten an dem Immigrationschalter liefen erstaunlich problemlos und rasch ab. Wie schön, dass uns Wayne am „Dulles“ Flughafen Washington DC in Empfang genommen und mit dem Auto nach Harpers Ferry gebracht hat. Die sanft hügelige Landschaft von Virginia erinnert mich sehr an meine alte nordhessische Heimat.

Harpers Ferry liegt am äußersten Nordosten von West Virginia und stößt sowohl an Virginia als auch an Maryland. Susie und Wayne empfangen uns liebevoll und gastfreundlich in ihrem wunderschönen Ferienhaus auf den „Bolivar Heights“ oberhalb von Harpers Ferry. Welch ein Glück so in den Staaten willkommen geheißen zu werden! Das Haus von 1901 ist eine echte Augenweide und ein wunderschönes Zuhause. Es ist klar, dass es uns hier sehr gut gehen wird. Die uralte Freundschaft zu Susie und Wayne war sofort in aller warmen Herzlichkeit präsent.

 

Obwohl das Wetter regnerisch und kühl war, lockte das hübsch am Zusammenfluss von Potomac und Shanandoah gelegene historische Städtchen Harpers Ferry zu einem ausgedehnten Spaziergang. In der mit Europa verglichen relativ jungen Geschichte der USA spielt der Bürgerkrieg (1861 – 1865) eine entscheidende Rolle. Und Harpers Ferry war wegen seiner strategischen Lage an der Grenze zu Maryland und Virginia eine wichtige Rolle zugedacht. Der Höhenzug „Bolivar Heights“, auf dem Susie und Waynes Haus liegt, war sehr umkämpft und wechselte 15mal den Besatzer zwischen Unionisten und Konföderierten.

Harpers Ferry spielte auch unmittelbar vor dem Bürgerkrieg eine zentrale Rolle. Der fanatische Sklavenbefreier John Brown überfiel 1859 die Waffenarsenale der US-Streitkräfte in Harpers Ferry, um die Sklaven zu bewaffnen. Allerding schloss sich kein einziger Schwarzer an. Als ein Armeecorps anrückte, verschanzte er sich mit Geiseln im Feuerwehrhaus. Dabei wurden etliche Einwohner getötet. Später vertiefte sein medienwirksamer Prozess die Spannung zwischen dem Norden und Süden und trug nicht unwesentlich zum Ausbruch des Bürgerkriegs 1861 bei. Ein kleines Museum, liebevoll, aber wissenschaftlich dilettantisch aufgemacht, erinnert an die Ereignisse. Der untere Teil des Ortes ist Museumsstadt. Wegen der häufigen Überschwemmungen wohnen die Leute heute in der Oberstadt.

Auch das Bahnhofgebäude hat historischen Wert. Es ist im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Arbeitslose unter Präsident Roosevelt 1935 von jungen Arbeitslosen erbaut worden. Über die Potomac-Brücke donnern häufig lange Güterzüge. Bei einem haben wir 107 Waggons gezählt. Natürlich sind wir auch über diese Brücke ins nahe Maryland gelaufen.

Unter Susies Kochkunst und Waynes Assistenz ging es uns richtig gut. In Harpers Ferry fühlen wir uns schon zu Hause. Zufällig treffen wir auch die netten Nachbarn Laurie und Dick, die uns kompetente Erfahrungen zum Shanandoah Park vermitteln.

 

27. – 30. 10. 2018 Washington DC

 

Am Samstag, dem 27.10. sind Susie und Wayne so lieb, uns nach Washington mit dem Auto zu bringen. Auf dem Weg machen wir noch einen Besuch bei Ann Philipps (in einem nordwestlichen Vorort von Washington). Mit ihr haben Wayne und ich damals (1971) zusammen ein Uni-Seminar über Osteuropa besucht und ein Referat über Polen erarbeitet. Der herzliche Empfang bei Ann lässt die 47 Jahre dazwischen völlig vergessen. Langsam lässt der heftige Regen nach und wird von der noch etwas zögerlichen Sonne verdrängt.

Im Hotel Holliday Inn Central/White House erwarten uns dann Diana und Thomas. Wie vertraut ist doch America! Susie und Wayne werden wir dann am Dienstag, dem 30.10. in Harpers Ferry wiedersehen.

Den Nachmittag verbringen wir zusammen mit Diana und Thomas in dem pittoresken Stadtteil Georgetown, eine Kleinstadt in der Großstadt, aber sehr nobel. Viele überdrehte junge Leute können das nahe Halloween kaum noch abwarten und lassen es schon mal in den verrücktesten Kostümen vorglühen. In einem indischen Restaurant feiern wir bei einem leckeren Menü unser Wiedersehen.

 

28.10. 2018  White House, National Mall, Lincoln Memorial, Vietnam Veterans Memorial, Air and Space Museum

Vom Hotel in der Rhode Island Av./ 15. Str. bis zum White House sind es schon mal 1 ½ Meilen. Das Wetter, warm und sonnig, könnte nicht schöner sein. Vor dem weißen Haus nehmen Waffengegner das schreckliche Massaker in einer Synagoge in Pittsburgh vor zwei Tagen zum Anlass, wieder mal gegen die Waffengesetze in der USA zu demonstrieren. Die Fahnen auf den öffentlichen Gebäuden wehen auf Halbmast. Sicherheitskräfte lassen uns nicht einmal an den Zaun zum Weißen Hause vordringen. Aber auch aus der Distanz ist das Gebäude eindrucksvoll genug, egal ob Donald gerade zu Hause ist oder nicht. Die Gebäude der Regierungsbürokratie sind noch gigantischer und zeigen, wie stark die Exekutive in den USA ist. Wir schlendern bei sommerlichen Temperaturen die Ellipse entlang und erhaschen noch einmal einen Blick auf die Südseite des White House und sehen, dass es hier wie eine Festung verrammelt ist.

Auf dem Weg zum Lincoln Memorial passieren wir das National WWII Memorial, wo sich die USA auf eindrucksvolle Weise als der Retter und Beschützer der Freiheit feiert. Dagegen wirkt das Vietnam Veterans Memorial nachdenklich zurückhaltend. Um so monumentaler wirken die dunkelgrauen Marmorwände mit den 54.000 Namen der Gefallenen.

Zuvor jedoch statten wir Abraham Lincoln einen Besuch ab. Die nahe Einflugschneise zum Domestic Airport von Washington suggeriert den Eindruck, als ob die Flugzeuge das neoklassizistische Gebäude streifen. Die Halle wird von dorischen und jonischen Säulen getragen. „Old Abe“ schaut auf die Besucher nachdenklich von seinem Marmorsessel herunter. Die bedeutende Gettysburg Address haben zunächst mit seiner Antrittsrede zur 2. Präsidentschaft verwechselt. Von den Treppen, auf denen Martin Luther King 1963 seine berühmte Rede „I have a dream“ gehalten hat, erstreckt sich der Blick über die gesamte National Mall am Obelisk des Washington Memorial vorbei bis zum Capitol Hill. Hier präsentiert sich das politische Amerika doch sehr eindrucksvoll. Und wir sehen, welch weiten Weg wir noch zurücklegen müssen bis zu den interessanten Museen des Smithonian Institute. In der Tat wird der Marsch vor allem für Katrin beschwerlich. Wir wollen zunächst im nagelneuen African American Museum einen Stop einlegen, aber dort benötigt man vorgebuchte Tickets. Bis zum 5./6. Januar 2019 sind alle Tickets ausgebucht. Schließlich erreichen wir das Air and Space Museum und sind von der Präsentation der Flugzeuge, von der Spirit of St. Louis bis zu den modernsten Drohnen überwältigt. Auf die Raumfahrt wird ein besonderer Fokus gelegt. Wir sehen die originalen Raumfähren und Trägerraketen. Ein Film über die geplante bemannte Marsmission 2023 ist sehr informativ.

Nach den vielen Meilen zu Fuß bringt uns ein Taxi zum Hotel. Den Abend beschließt der Besuch eines äthiopischen Restaurants in der Nähe, das Vicky empfohlen hat.

 

29.10. Capitol Hill, Library of Congress, Supreme Court, Newseum

Heute Morgen bringt das Taxi Thomas, Katrin und Detlev zum Capitol Hill, Diana hat ein Interview mit dem Herausgeber eines Buches über Freddy Maier, einem ehemaligen Rotteck-Schüler und Retter der Stadt Innsbruck.

Im Visitor Center darf Katrin wegen ihres kleinen Kosmetikmesserchens nicht rein. Es ist aber auch so voll, dass Thomas und ich es vorziehen, durch den unterirdischen Gang hinüber zur Congress Library vordringen. Schon vom Treppenhaus sind wir überwältigt. Präsident John Adams hat hier 1800 in einem neobarocken Gebäude den Grundstein für die größte Bibliothek der Welt gelegt. Grundstock bildete die umfangreiche Bibliothek von Thomas Jefferson von 6.000 Büchern. 1897 wurde das heutige Gebäude im Wiener Jugendstil gemischt mit Neorenaissance-Stilmitteln gebaut. Der Blick in den gigantischen Lesesaal macht sprachlos. Dieser Tempel des Wissens sollte den Europäern auch beweisen, dass die USA an Bildung und Wissen nicht hinterher stehen.  In dem historischen und neuen Komplex werden inzwischen 167 Mio Dokumente, Bücher, Fotos und Filme aufbewahrt, in der Tat die größte Sammlung der Welt, die den Kongressmitgliedern das Wissen der ganzen Welt anbietet. Katrin hat inzwischen by Taxi das Messerchen ins Hotel gebracht und ist wieder pünktlich am Treffpunkt. Während Thomas und ich der dritten Gewalt, dem Supreme Court, einen Besuch abstatten, nimmt sich Katrin ihrerseits die Congress Library vor. 

Der Supreme Court fristete bis 1935 baulich eher ein bescheidenes Geschick in den Katakomben des Capitols. Aber seit 1935 soll das neoklassizistische Gebäude, das dem Wiener Parlament nachempfunden ist, die unabhängige Rolle der Judikative und auch die Bedeutung des Rechts in der Demokratie symbolisieren. In einem äußerst informativen Film berichten die Richter über ihre Arbeit und die Entscheidungsprozesse im höchsten Gericht der USA.

Mittags treffen wir Diana vor dem Newseum. Dieses einmalige Museum für Journalismus präsentiert so viele interessante Aspekte des Journalismus, dass wir eine strenge Auswahl treffen. Wir schauen uns die Sonderausstellung über die Arbeit des FBI an, ein Horrorkabinett, voll von Massenmördern Terroristen und Bespitzelung. Bei der Ausstellung der Pulitzer-Preisträger der Fotografie kann man  schwermütig werden, welche Katastrophen, politische wie Natur- , die den Gang der Welt kennzeichnen. Diesen tiefgreifend pessimitischen Eindruck  machen die wenigen Fotos über gelungene Rettungen nicht wett. Es wird auch noch mal deutlich, wie groß die Macht der Bilder ist, das Gewissen der Öffentlichkeit wachzurütteln.

Katrin und ich besorgen uns eine amerikanische Simkarte und begießen die erfolgreiche Aktion mit einem Draught Beer in Harry`s Bar. Dianas Geburtstag feiern wir in einem zünftigen amerikanischen Restaurant.

 

30.10. - 04.11.2018  Harpers Ferry, West Virginia - Shanadoah Park - Lexington, Virginia

 

30.10. – 01.11. 2018   Washington D.C. -  Harpers Ferry -  Shanandoah Park (nördlicher Teil)

Thomas hat einen Mietwagen gebucht, der uns am Mittag nach Harpers Ferry West Virginia bringt, wo Susie und Wayne uns Vier herzlich willkommen heißen. Wie erwartet, verstehen sich Susie

und Wayne mit Thomas und Diana hervorragend. Ihre Gastfreundschaft ist wirklich grenzenlos. Natürlich werden Thomas und Diana auch an die historisch bedeutsamen Plätze von Harpers Ferry geführt. Aber zunächst laufen wir noch einmal über die Eisenbahnbrücke nach Maryland hinüber, diesmal zu sechst und bei strahlendem Wetter. Die bunt gefärbten Bäume rahmen die Ufer von Potomac und Shanandoah malerisch ein. Während Thomas und Diana von Susie und Wayne in das kleine Museum und zu den historischen Häusern geführt werden, erstehen Katrin und ich T-Shirts von Harpers Ferry in einem putzigen kleinen Laden. Mit einem teuren Draught Beer überbrücken wir die Zeit des Wartens, bis wir uns alle 6 wieder treffen.

Susie hat für den Abend wieder ein fantastisches Dinner zubereitet, so dass wir uns wirklich behaglich wohl fühlen. Überhaupt fühlen wir uns dank der rührenden Gastfreundschaft hier schon richtig zu Hause. Thomas bringt Diana zum Frühzug nach Washington D.C. und Susie und Wayne müssen nach dem Frühstück auch wieder zurück nach Lexington fahren.

 

Die Restmannschaft, Thomas, Katrin und Detlev starten bei schönem Wetter zu einem kleinen Halbtagesausflug in den nördlichen Teil des Shanandoah National Parks. Zunächst müssen wir 35 Meilen nach Front Royal Virgina fahren zum nördlichsten Parkeingang. Im Visitor Center lassen wir uns für die nächsten Tage Wandervorschläge erläutern. Für den 31.10. wählen wir die kürzere Route von 2 ½ Stunden auf dem Dickey Ridge Trail. An den Ausguckplätzen sind wir von dem Ausblick über unendliche Wälder und die gigantische Weite überwältigt. Zunächst hatten wir uns von der allgemeinen Szenerie eines überwiegenden Mischwaldes an die deutschen Mittelgebirge erinnert gefühlt. Aber die Dimensionen der Weite sprengen alle Vergleiche. Die Laubfärbung ist in der Höhe von ca.1000 m schon weit fortgeschritten und verleiht dem Wald vor allem in dem gleißenden Gegenlicht zauberische Atmosphäre. Wir bewegen uns ein Stück auf dem berühmten Appalachian Trail, der 2.600 Meilen von Maine nach Georgia führt. Der Shanandoah Park ist das mittlere Filetstück des berühmten Wanderwegs. Auf dem weitläufigen Weg treffen wir kaum andere Wanderer. Dafür hatten wir Kontakt mit einer ausgewachsenen Klapperschlange. Thomas war zunächst durch das Schnarren ihres Schwanzendes aufmerksam geworden. Ihre schwarze Färbung ließ uns zuerst an eine der harmlosen Waldschlangen denken. Doch der drohend aufgerichtet typisch dreieckige Kopf und das immer lauter werdende Schnarren ihrer Schwanzspitze duldeten keinen Zweifel, sondern rieten eindeutig dazu, den Platz rasch zu räumen. Es blieb nicht einmal mehr Zeit für ein Foto.

Eigentlich wollten wir den erlebnisreichen Tag mit einem Abendessen im Diner von Charles Town beenden. Aber wegen der Ungastlichkeit des Raumes und der „No Beer“-Vorgabe haben wir das gemütliche Haus in Harpers Ferry mit den dort vorhandenen Lebensmitteln vorgezogen. Susie und Wayne haben uns großzügig für 2 Tage das schöne Landhaus in Harpers Ferry überlassen.

 

Am 1. 11. Starten wir noch einmal zu einem 4-Studen-Hike in den nördlichen Teil des Shanandoah. Diesmal starten wir von dem Parkplatz bei Mathews Arm und wandern auf dem Tuscarora Trail hinab zu zwei wundervollen Wasserfällen mit einem atemberaubenden Blick in einige der waldreichen Täler. Auf dem Heimweg müssen wir wieder die Höhe des Grats erklimmen. Deshalb geht es langsamer voran und der drohende Wetterumschlag schickte schon mal dunkle Wolken über die Berge, so dass wir zuletzt in der schon einsetzenden Dämmerung laufen. Das beschert uns auch die Begegnung mit einer Schwarzbärenfamilie. Trotz der beruhigenden Distanz beeindruckt die Bärenmutter mit ihren zwei Jungtieren in freier Wildbahn. Die etwas gemischten Gefühle und das geringe Licht verhindern leider entsprechende Fotos.

 

2. 11. 2018  Harpers Ferry, West Virginia – Lexington, Virginia

Das regnerische Wetter lässt uns den Vormittag gemütlich in Harpers Ferry verbringen. Ich finde auch zum ersten Mal richtig Zeit zum Tagebuchschreiben.

Bei strömenden Regen überbrücken wir die 168 Meilen nach Lexington. Leider geraten wir bei Staunton in einen endlosen Stau, so dass wir mit Susies Hilfe über kleinere Straßen dann doch weiterkommen, aber mit 1 ½ Stunden Verspätung. Wie wohl tut uns der herzliche Empfang von Susie und Wayne in ihrem hübschen 200 Jahre alten Haus, das sie sehr geschmack- und stimmungsvoll eingerichtet haben. Es ist fast schon überflüssig zu erwähnen, dass Susie uns mit einem großartigen Chili con Carne verwöhnt.

 

3.-4.11. 2018  Lexington  - Shanandoah Park – Lexington

Thomas und Detlev starten vom Stützpunkt und Lexington den zweiten Angang zum Shanandoah Park, während Susie und Wayne Katrin in ihre Obhut nehmen und schon mal in die Gesellschaft von Lexington einführen.

Diesmal starten wir an einer der höchsten Plätze des Shanadoah Gebirges, ziemlich in der Mitte, bei Lewis Mountain. Nach dem Regen gestern ist die Luft glasklar, aber auch sehr kalt, kaum über Null Grad, so dass wir uns gut warm anziehen müssen. Auf dem Weg zum Bearfence Mountain wird uns langsam warm; erst recht bei der Überkletterung der Bearfence-Felsen, eine doch etwas anspruchsvollere Route als die Tage vorher. Entgegen der Einsamkeit des üblichen Appalachian Trails tummeln sich hier doch viele junge Leute, vor allem auch Asiaten, denn die attraktiven Felsen mit herrlichen Ausblicken sind von einem nahe gelegenen Parkplatz gut zu erreichen.

Bei Hazelton Top haben wir mit 3.812 ft. die höchste Stelle unseres Hikings erreicht. Leider sind die Bäume hier schon gänzlich entlaubt, so dass die Wälder winterlich abgestorben wirken. Dennoch halten uns die atemberaubenden Weitblicke in die Unendlichkeit das Appalachen-Gebirges in Bann.

Nach 8 Meilen Wanderung kommen wir zum zentralen Stützpunkt Big Meadows. Hier ist am Samstag bei dem strahlenden Wetter kaum mehr ein Parkplatz frei. Wir lassen uns für den nächsten und letzten Tag im Shanandoah Park noch eine Rundtour im südlicheren und tiefer gelegenen Teil, wo wir auf schönere Herbstbelaubung hoffen, von den Park Rangers im Visitor Center empfehlen. Bei dem starken Besuch hoffen wir auf eine schnelle Tramp-Möglichkeit zurück zu unserem Auto bei Lewis Mountain. Bereits das dritte Auto hält und nimmt uns nach kurzem Überlegen mit. Es stellt sich witziger Weise heraus, dass die Frau aus Berlin stammt und nun mit ihrem amerikanischen Mann in Richmond Virginia wohnt. Wir müssen ab Lewis Mountain noch 38 Meilen bis Luray fahren, wo wir ein Hotel gebucht haben. Luray präsentiert sich als eine typische ländliche Kleinstadt, in der auch am Samstagabend nichts los ist. Das empfohlene Restaurant stillt zwar den vordergründigen Hunger, erfüllt aber sonst keine Ansprüche, lediglich das gezapfte Yeongling Beer und die gebratenen Zwiebeln auf dem Hamburger kann man gelten lassen.

 

4.11. 2018   Luray – Shanadoah Park (Loft Mountain) – Blue Ridge Parkway- Lexington

Ein bitterkalter Morgen in Luray hat das Auto mit einer Eisschicht überzogen. Wir gehen erst einmal bei Hardee frühstücken, bis die Sonne die Scheiben frei geleckt hat. Dann fahren wir bei strahlendstem Sonnenschein wieder zum Swift Run Gap Entrance des Shanandoah Parks, wenden uns aber nun nach Süden, um am Loft Mountain Parkplatz unsere Rundtour zu beginnen. Wir haben uns nicht getäuscht. In dem etwas niedrigeren Gelände verleiht die Laubfärbung der ganzen Waldszenerie noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre. So haben wir uns den „Indian Summer“ vorgestellt. Der Doyles River Trail führt uns an der südlichen Hanglinie an vier großartigen Wasserfällen vorbei. Der Wanderweg wird fast ständig von reißen Bächen begleitet, so dass wir hier die fehlenden Ausblicke in die Landschaft nicht vermissen. Die ganze Szenerie ist von Wasser beherrscht, ob es von Felsen runterstürzt oder neben unserem Weg munter plätschert Zweimal müssen wir auch den Doyles River überqueren, an einer etwas breiteren Stelle mit starker Strömung ist das Hüpfen über die etwas glitschigen herausragenden Steine nicht ganz unproblematisch. Den für 5 Stunden ausgeschriebenen Rundkurs schaffen wir in 3 ½ Stunden, so dass wir auch noch Zeit haben, bei Sonnenschein den ganzen Skyline Drive bis zum südlichen Rockfish Gap Entrance zu genießen. Der Skyline Drive im Shanandoah Park definiert für uns Höhenstraße noch mal ganz neu. Im Vergleich zur Schwarzwaldhöhenstraße ist er endlos länger und bietet oft unglaubliche Ausblicke in diese fantastische Landschaft. Die Fahrt durch die bezaubernde Herbstfärbung ermuntert uns, den Höhenweg über den Blue Ridge Parkway fortzusetzen. Es ist eine gute Entscheidung, wir werde nicht müde, die wundervolle Atmosphäre bis zum Verschwinden der Sonne in den heranziehenden Schlechtwetterwolken und bis in die Nähe von Lexington zu genießen.

Wir werden herzlich zurück erwartet. Natürlich verwöhnt uns Susie wieder mit einem höchst leckeren Dinner.

 

5.-7. 11.2018  Lexington Virginia

Heute müssen wir uns von Thomas verabschieden, bis wir uns in New York in 10-14 Tagen wiedersehen werden. Wir nutzen den Tag, in der Obhut und in dem wunderschönen Haus von Susie und Wayne zur Ruhe zu kommen: Ich schreibe über die letzten Tage für die Website, Katrin kauft im Walmart neue Koffer und andere Annehmlichkeiten. Zum Abendessen haben Susie und Wayne Teresa, eine vertraute Freundin eingeladen, die sich sehr freut, mit uns deutsch zu sprechen, da sie selbst aus Franken stammt.

Am 6.7. ist der lange und mit Spannung erwartete Wahltag, alle Repräsentanten, einige Senatoren und wenige Gouverneure werden gewählt, in Lexington auch der Stadtrat. Trotz des regnerischen Wetters ist der Spaziergang zum Wahllokal an den hübschen kleinen Villen und an den bunt gefärbten Bäumen vorbei ein Erlebnis. Dass Lexington auch wichtige Erinnerungen an den Bürgerkrieg bewahrt, wird uns auf dem malerischen alten Friedhof bewusst. Denn hier ist der berühmte Südstaaten-General „Stonewall“ Jackson begraben, nach dem die Straße benannt ist, in der Susie und Wayne wohnen. Die Einwohner haben dem legendären Kriegshelden, der auch heute noch in den ganzen USA als Heros und von Militärwissenschaftlern als einer der größten Strategen des 19. Jahrhunderts verehrt wird, ein Denkmal gesetzt. Durch tragische Umstände kam er 1863, gerade mal 39 Jahre alt, ums Leben. Wie sehr er auch heute noch im Gedächtnis der Leute lebt, zeigen die vielen Zitronen an seinem Grab und am Denkmal. Sie nehmen Bezug auf die Berichte, dass er in besonders heiklen Situationen seine Kaltblütigkeit bewahrte, indem er in Zitronen gebissen haben soll.

Vor dem Wahllokal markieren die zahllosen Plakate den Weg zur Urne. Sie sollen wohl wie die freundlich grüßenden Stadtratskandidaten und -innen die immer noch unentschlossenen Wähler für sich gewinnen. Zu den Urnen selbst können wir als Gäste nicht vordringen, denn um mehrmalige Stimmabgaben zu vermeiden, werden Fotos von den Wahlberechtigten gemacht. Aber der freundliche Wahlleiter erklärt uns die halbdigitale Wahlprozedur. Natürlich treffen Susie und Wayne viele Bekannte, denen wir auch vorgestellt werden. Nach den aufregenden Vormittagsstunden gönnen wir uns zuerst einmal eine Erfrischung bei Virginia Craft Beer und leidlich scharf gewürzten Appetithäppchen in einer Beiz, die Susie und Wayne bisher nie besucht haben. So lernen sie durch uns auch noch unbekannte Winkel in ihrer Heimatstadt kennen.

Am Nachmittag zeigt uns Susie ihr Büro in der Washington und Lee Universität.

Hier hat sie 23 Jahre als Planerin, Managerin und Organisatorin von Auslandsreisen und -exkursionen gearbeitet. Die meisten Reisen hat sie auch als Reiseleiterin begleitet. Das wäre auch für Katrin ein Traumjob gewesen. Kein Wunder, dass die beiden sich so gut verstehen, aber sicher nicht nur deshalb…

1796 hat George Washington die ursprünglich von iro-schottischen Siedlern in der Nähe von Lexington gegründete Augusta Akademie mit einer Spende von 20.000 US-Dollar bedacht, danach zog das Institut 1813 an seinen heutigen Standort in Lexington und wurde in Washington College umbenannt. 1865 wurde der berühmte Südstaaten-General Robert Edward Lee Präsident des Colleges und fusionierte es mit der 1849 gegründeten Lexington Law School. Nach seinem Tode, 1870, wurde die Hochschule abermals umbenannt, und zwar auf ihren heutigen Namen: Washington and Lee University. Der Name „Lee“ als Vertreter der Staaten, die die Sklaverei nicht abschaffen wollten und dadurch den Bürgerkrieg herausbeschworen haben, führt heute wieder zu kontroversen Diskussionen, die Universität ungeachtet seiner Verdienste noch einmal umzubenennen. Die Gebäude des Campus der renommierten Universität stammen aus dem Anfang des 19.Jhdts und sind in einem klassizistischen Palladio-Stil erbaut, mustergültige Exemplare der traditionellen Südstaatenarchitektur. Die weißen Gebäude geben einen wundervollen Kontrast zu den bunt belaubten Bäumen, auch wenn heute das Sonnenlicht fehlt. In der kleinen Lee Chapel ist der berühmte General und Präsident der Universität begraben. Susie und Wayne zeigen uns die Bibliothek und Aufenthaltsräume der Studenten. Alles wirkt sehr edel und gediegen, kein Wunder, dass das eine ziemlich teure Universität ist.

Am späten Nachmittag hat uns Teresa zusammen mit Susie und Wayne in ihre wunderschöne und geschmackvolle Wohnung eingeladen. Sie hat ein so reichhaltiges Hors de Oeuvres vorbereitet, dass wir auf ein Abendessen gut und gerne verzichten können. Den Abend bis spät in die Nacht verfolgen wir die Ergebnisse der Wahlen. Als sich eine Mehrheit für die Demokraten im Repräsentantenhaus abzeichnet, gehen wir spät, aber erleichtert zu Bett.

 

7.11.2018 Lexington

Am Morgen besuchen wir ein Konzert von Hobbymusikern im Dutch Cafe. Sowohl die Musiker als auch die Zuhörer sind zu dieser frühen Morgenstunde vorwiegend Rentner. Das Repertoire erstreckt sich von Country bis klassischem Blues. In der gemütlichen Atmosphäre kann man gut ertragen, dass die Aktiven nicht alle begnadete Musiker sind. Wir müssen das Konzert auch nicht bis zum Ende anhören, denn Wayne will uns noch das VMI (Virginia Military Institute) zeigen, wo er 16 Jahre Professor war. Entgegen dem heiter klassizistischen Stil der Washington and Lee Uni ist das VMI in abstrakter Neogotik gehalten. Der berühmteste Absolvent dieses Institutes war der General und spätere Außenminister George C. Marshall. Während des Zweiten Weltkriegs koordinierte er erfolgreich als Chief of Staff of the Army) die alliierten Operationen in Europa und im Pazifik. Noch bekannter ist er nach dem Kriegsende geworden durch den nach ihm benannten Marshallplan, den er als Außenminister für das zerstörte Europa in Gang gebracht hat, für den er 1953 auch den Friedensnobelpreis erhielt. Ihm zu Ehren hat das VMI ein sehr instruktives gut gemachtes Museum erstellt. Wayne arbeitet gerade an einem Aufsatz über George Marshall. So ganz hat er die wissenschaftliche Tätigkeit noch nicht aufgegeben.

Um die Mittagszeit nimmt uns Wayne in das tolle Hallenschwimmbad der Uni mit, wo wir neben den trainierenden Studenten und -innen wie lahme Enten durch das Wasser paddeln. Das Bad hat unser Wohlsein erheblich gesteigert, so dass wir uns langsam auf die gemeinsame Fahrt nach Philadelphia vorbereiten können.

 

8.-10.11. 2018 Philadelphia Pennsylvania

 

8.11. 2018 Lexington Virginia – Philadelphia Pennsylvania

Susie und Wayne begleiten uns nach Philadelphia, nach einer abwechslungsreichen Fahrt durch die sanften Hügel von Virginia, flankiert von den Blue Ridge Mountains und der vertrauten Shanandoah- Kette, fahren wir an Washington D.C. vorbei, durch Maryland, den nördlichen Teil von Delaware, die Hauptstadt Wilmington grüßt aus der Ferne, nach Pennsylvania. Bald erscheint die beeindruckende Skyline von Philadelphia. Die Einfahrt in die City ist schon ein faszinierender Empfang. Danke Wayne, dass Du uns die lange Strecke so gut chauffiert, Danke Susie, dass Du uns so zielstrebig navigiert hast. Ihr Beiden seid ein gutes Team! Von unserem Hotel, Hampton Inn, können wir alle wichtigen Ziele zu Fuß erreichen. Nach dem Einchecken schlendern wir durch das Pennsylvania Convention Center durch zum Reading Terminal Market, einem der ältesten überdachten Märkte der USA. Hier wird alles angeboten, von dem traditionellen Philadelphia Cheesesteak bis hin zu Konditorei- spezialitäten. Leider schließt der Markt schon in einer halben Stunde, so dass er nicht mehr für ein gemütliches Dinner geeignet ist. In der Walnut Street finden wir ein pittoreskes französisches Lokal, Caribou Cafe, ganz der Geschmack von Susie und Wayne. Das geschmackvolle Interieur erinnert sehr an Pariser Restaurants und das Essen ist ausgezeichnet. Willkommen in Philadelphia!

 

9.11.2018.

Der Morgen empfängt uns mit recht frischem Wind. Gottseidank lässt der angekündigte Regen noch auf sich warten. Wir schlendern die Market Street bis zum Visitor Center, um Eintrittskarten für die Independence Hall und Congress Hall abzuholen. Ein kleines Haus aus der Kolonialzeit steht in schrillem Kontrast zu den Prachtbauten des 19. und Hochhäusern des 20. Jhdt.s ringsum. Es hat überlebt und wird gehegt und gepflegt, weil hier Thomas Jefferson die Unabhängigkeitserklärung 1776 entworfen hat. Da unsere Tickets für die Independence Hall erst ab 15 Uhr 40 gelten, haben wir Zeit für einen ausführlichen Besuch des vor einem Jahr eröffneten Museum of American Revolution. Wegen dieses Museums sind Susie und Wayne vornehmlich mit nach Philadelphia gereist. Hier wird die Geschichte der Vereinigten Staaten in einem modernen museumspädagogisch einzigartigen Kaleidoskop unter dem Gesichtspunkt präsentiert: was war dabei revolutionär? Bemerkenswert ist die kritische und keineswegs heroisierende Darstellung der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Es wird betont, dass der hohe Anspruch der Verfassung, allen Menschen die gleichen Rechte einzuräumen von Anfang an eine ungelöste politische Aufgabe blieb. Dieser Geburtsfehler hatte zwangsläufig hundert Jahre später den blutigen Konflikt des Bürgerkrieges wegen der Sklavenbefreiung zur Folge und zieht sich durch die ganze amerikanische Geschichte bis zur Bürgerrechtsbegwegung. Das Museum macht bewusst, dass der revolutionäre Kern, den die Gründungsväter in die Verfassung hineingeschrieben haben eine Verpflichtung bis heute und in die Zukunft hinein bleibt. In diesem Sinne, abgesehen von der eindrucksvollen Präsentation, ist diesem Museum von außerordentlicher Qualität.

Nach zwei Stunden anstrengender Beschäftigung mit der kurzen, aber bewegten Geschichte der Vereinigten Staaten erfrischen wir uns bei einem leichten Lunch in der City Tavern. Es passt zu dem historischen Schwerpunkt dieses Tages, dass wir just in dem Raum tafeln, in dem der erste Präsident der USA vereidigt worden ist. Was Wunder, dass uns auch die Bedienung in Kostümen des 18. Jhdts das Essen serviert. Inzwischen hat es ordentlich zu regnen angefangen und wir sind froh, rasch in die Independence Hall eingelassen zu werden. Hier in dem ursprünglichen Gerichtssaal der Kolonie Pennsylvania Im Jahre 1775 traf sich der zweite Kontinentalkongress und nahm dort im Jahre 1776 die von Thomas Jefferson ausgearbeitete Unabhängigkeitserklärung an. 1787 traf sich dort auch die Philadelphia Convention, welche die Verfassung der Vereinigten Staaten ausarbeitete. Gerade gegenüber befindet sich die Congress Hall, wo im Erdgeschossaal die Abgeordneten und im Obergeschoss der Senat des jungen Staates tagten, bevor die Hauptstadt 1790 nach Washington verlegt wurde. Nebenan wird auch die berühmte „Liberty Bell“, Symbol für Freiheit, obwohl sie nur indirekt etwas mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten zu tun hat, gezeigt. Die Glocke wurde anlässlich der Fünfzigjahrfeier der Charta über die Religionsfreiheit Pennsylvanias 1752 in London von gegossen und 1753 im State House (heute Independence Hall) aufgehängt. Noch bevor sie aufgehängt wurde, entdeckte man in ihr einen Riss, woraufhin sie neu gegossen wurde. Die Glocke trägt die Inschrift: „Proclaim Liberty throughout all the land unto all the inhabitants thereof“ („Verkünde Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner“; vgl.Altes Testament Lev 25,10 ). Das Besondere an der Glocke ist ein Riss im Klangkörper, der über mehr als die halbe Höhe der Glocke führt. Wann genau dieser Sprung entstanden ist, ist bis heute unklar, so wie viele Geschichten um die Glocke eher anekdotisch sind. Es ist nur bekannt, dass er zwischen den Jahren 1817 und 1846 entstand. Einem historisch umstrittenen Bericht zufolge soll die Glocke im Jahr 1846 zum Geburtstag von George Washington das letzte Mal geschlagen haben, wobei sich der Riss irreparabel vergrößert haben soll.

In strömendem Regen hasten Susie und Wayne zurück zu unserem Hotel, während wir unser Glück versuchen, im 33. Stockwerk des Loews Hotels einen Blick auf das abendliche Philadelphia zu erhaschen. Auch wenn die Fenster von Regentropfen übersät sind, ist der Blick atemberaubend. Wir wollen es morgen noch einmal bei besserem Wetter und Licht versuchen. Ein zünftiges kleines Dinner und ein gezapftes Bier erfrischen uns in dem gut besuchten Hard Rock Cafe, bevor mit Susie und Wayne noch ein Glas Wein zum Abschied im Hotel trinken. Was für ein Tag mittiefem Eintauchen in die amerikanische Geschichte!

 

10.11.2018  Nach dem gemeinsamen Frühstück brechen Susie und Wayne auf, um zurück nach Lexington zu fahren. Wir haben noch einen Tag in Philly vor uns. Zunächst bummeln wir durch die Market Street, Katrin schaut sich mal im Maceys um (dort hat man schon voll die Weihnachtsdekoration aufgestellt) und im TJMAX wird sie dann auch fündig. Im Hotel Loews fahren wir noch einmal in den 33. Stock unf sind nun von dem Blick auf Philadelphia fasziniert: Zwischen den beiden Flüssen Schuylkill und Delaware erstreckt sich die Häusermasse und zwischendrin viel Grün. Von der „Old City im Osten bis zum Schuylkill River im Westen werden die Häuser immer höher. Eine interessante Mischung aus Häusern aller Epochen vom 18. bis 21. Jhdt. Diese Stadt hat uns in ihren Bann gezogen, zweifellos.

Wir schlendern danach noch einmal durch die „Streets of Philadelphia“ und biegen über den Washington Square ins Viertel „Society Hill“. Hier fühlt man sich ganz in das „alte“ London versetzt. Backsteinreihenhäuser und kleine Alleen. Thomas hatte uns dieses Viertel ans Herz gelegt. In der Tat ein Kleinod, ein ganz eigenes Quartier mit vielen kleine Geschäften und Kneipen und vielen Studenten, und das nur einen Steinwurf weit von den Hochhäusern. Wir kommen auch an dem Pennsylvania Hospital vorbei, das auf Veranlassung von Benjamin Franklin 1757 erbaut wurde und bis zum Anfang des 19. Jhdts als eines der fortschrittlichsten Krankenhäuser galt.

Eigentlich wollten wir die berühmten Boston Cheesesteaks im Reading Terminal Market zum Mittagessen probieren. Doch am Samstagmittag wälzten sich die Massen durch den Markt. Es war kaum ein Durchkommen, geschweige denn eine Chance, ohne langes Anstehen eine Essen zu ergattern. Deshalb entschlossen wir uns, im Iron Hill Brewery eine kleine Version des Boston Cheesesteak zu bestellen, bei einem frisch gezapften Bierchen, keine schlechte Alternative, vor allem mit der Aussicht auf die Market Str., Ecke 12. Str..

Vom Hotel aus fahren wir mit dem Taxi zum Bahnhof an der 30. Str., wo wir nach einigem Suchen unseren Mietwagenanbieter finden. Die Formalitäten sind bald erledigt, wir finden uns auch rasch mit dem ziemlich neuen Nissan zurecht. Nur die Navigation funktioniert noch nicht so ganz, so dass wir uns erst einmal tüchtig verfahren. Das ist eben das erforderliche Lehrgeld. Aber wir erreichen doch noch unser Hotel, jenseits des Delaware, schon im Staat New Jersey, im Hellen. Ganz in der Nähe finden wir auch ein asiatisches Restaurant. Da sie dort kein Bier ausschenken, dürfen wir unser eigenes Bier, das wir vorher im Liquor Shop gekauft haben, zum Essen trinken, welche eine liberale Einstellung! Die Temperaturen fallen bis auf den Nullpunkt. Wir wappnen uns gegen den drohenden Winter.

 

11.-14. 11. 2018 Boston Massachusetts

 

11.11. 2018 Von unserem Hotelstandort, Belmawr, New Jersey, müssen wir 303 Meilen bis Boston zurücklegen. Das schaffen wir mit zwei kleineren biologischen Stopps in 4 ½ Stunden, so dass wir noch im Hellen in die Metropole an der Massachusetts Bay einfahren. Auf der Vorbeifahrt streifen wir New York und bekommen schon mal einen kleinen Vorgeschmack von der Attraktivität und dem Verkehrsgewühl. Katrin führt mich nach Anleitung des Navis zielstrebig durch den massiven Großstadtverkehr zu unserem Hotel Midtown, das sich als ausgezeichneter Standort für die Erkundung Bostons zu Fuß eignet. Katrin ist zunächst von unserem Zimmer etwas enttäuscht, da es keine Aussicht auf die in unmittelbarer Nähe steil aufragenden Wolkenkratzer bietet. Aber die Hotelrezeption verspricht uns für den nächsten Tag den Umzug in ein solches, ohne allerdings zu sagen, dass sich das auch auf den Preis auswirken sollte. In naiver Freude verlängern wir auch noch den Aufenthalt auf 3 Nächte. Das sollte dann richtig teuer werden, aber so weit sind wir noch nicht.

Zunächst müssen wir bei unserem Abendspaziergang auf der Huntington Av. den Kopf tief in den Nacken drücken, um bis zum obersten Stockwerk der umstehenden Hochhäuser zu blicken. Das Prudential Center in unmittelbarer Nähe präsentiert eine Shopping Mall mit besonderen Geschäften. Katrin findet sogar ein Post Office. In der Dalton Str. finden wir das Seafood-Restaurant Summer Shak, das uns die Hotel Rezeption empfohlen hat. Das urige Restaurant brummt von den vielen Sonntagabendgästen. Wie üblich bekommt man nach kurzer Wartezeit einen Platz zugewiesen, eine intelligente und gästefreundliche Art, die man durchaus im alten Europa nachahmen sollte. Nach Empfehlung von Thomas sollte man in Boston Clam Chowder, eine sämige Muschelsuppe, und New England Hummer essen. Das machen wir dann auch. Der Hummer ist auch so groß, dass Katrin mir ein großen Stück abgeben kann.

 

12.11. 2018

Der erste reine Bostontag hätte wegen des strahlenden Sonnenscheins nicht schöner sein können, wenn nicht der eiskalte Wind gewesen wäre. Deshalb machte es nicht nur vom Wetter her Sinn, den Tag mit einer Gesamtübersicht über die Stadt hinter geschützten Scheiben zu beginnen. Katrin hatte erkundet, dass im 50. Stock des Prudential Towers, gerade bei unserem Hotel um die Ecke, ein „Skywalk“ über Boston angeboten wird. Dort genossen wir -geschützt vor dem Eiswind - nicht nur den atemberaubenden Blick über die ganze Stadt und die Massachusetts Bay, sondern erhielten über Audioguide sogar eine launig abwechslungsreiche Einführung in die Geschichte der Stadt, geordnet nach den jeweils zu sehenden Teilperspektiven des Skywalk. So konnten wir uns schnell orientieren: Downtown mit der Ansammlung der Hochhäuser (besonders herausragend, direkt gegenüber dem Prudential Tower, das mit 241 m höchste Gebäude Bostons, der John Hancock Tower), das wegen der Sandsteinbauten rötlich schimmernde Backbay- Viertel, südlich des Charles Rivers. Back Bay ist berühmt für seine viktorianischen Sandsteinhäuser, die als die besten erhaltene Beispiele für das städtebauliche Design des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten gelten. Man ist an London oder Paris erinnert, wir hören, dass es heute eines der teuersten Wohnviertel ist. Dieses Quartier ist im 19. Jhdt  in einer der größten Landgewinnungsmaßnahmen nach Holland dem Sumpfland des Charles River  abgerungen. Jenseits des Charles Rivers grüßt der Stadtteil Cambridge, deutlich zu sehen das pantheonartige Hall der MIT (Massachusetts Institute of Technology), aus dieser berühmten Wissenschaftsschmiede sind viele Nobelpreisträger hervorgegangen. Ich erinnere mich an Noam Chomsky und seine „generative Transformationsgrammatik“. Er ist nicht nur einer der bedeutendsten Linguisten, sondern auch einer der bekanntesten linken Intellektuellen. Ganz im Hintergrund kann man die Gebäudemassen von Harvard erahnen, das wir uns aber erst am Mittwoch anschauen wollen. Im Süden ballt sich die Kultur. Am Grüngürtel des Fenway Parks kann man das Museum of Fine Arts mit einer der größten Kunstsammlungen der Welt erblicken, nicht weit davon die Symphony Hall und das Boston University Theater und dann ganz vertraut unser Midtown Hotel. Im Osten erstreckt sich hinter dem fast kleinstädtisch anmutenden South Boston die Massachusetts Bay mit dem Hafen, dem Flugplatz und vielen vorgelagerten Inseln.

Was wir von oben gesehen haben, das komplettieren wir zu Lande und zu Wasser mit einer 2stündigen Duck-Tour. Susie hatte uns diese besondere Attraktion empfohlen. Man fährt in alten umgerüsteten Amphibienfahrzeugen aus dem WWII durch die Straßen und schwimmt dann auf dem Charles River dahin, eine wirklich originelle Attraktion, die wir uns gönnen. Der Guide erläutert mit einer so rauh tieftönenden Stimme, dass Katrin ganz hingerissen ist und wohl schon deshalb viel mehr Englisch versteht als sonst. Seine Erklärungen sind aber wirklich sehr intelligent und ausführlich. Was wir von oben nicht so deutlich gesehen haben, wird nun eindrucksvoll sichtbar: z.B. Boston Public Library, die größte städtische öffentliche Bibliothek in den Vereinigten Staaten. Nur die Library of Congress hat mehr Bücher. Sie war die erste durch öffentliche Mittel unterstützte Einrichtung ihrer Art, die für Öffentlichkeit zugänglich war und gleichzeitig den Besuchern ermöglichte, Bücher und andere Materialien auszuleihen. An der grünen Lunge, Boston Common und Public Garden, vorbei streifen wir den Beacon Hill mit einem interessanten Gemisch aus Bauten aus der Kolonialzeit bis zum 19. Jhdt. Das Viertel gehört zur teuersten Wohngegend Bostons. Ganz oben thront die State Hall, eine verkleinerte Form des Washingtoner Capitols, allerdings mit vergoldeter Kuppel. Hier tagen Gouverneur und Abgeordnete von Massachusetts. An der Leonard P. Zakim Bunker Hill Memorial Bridge, die mit insgesamt zehn Fahrstreifen den Charles River überspannt und mit 56 m zu den breitesten Schrägseilbrücken der Welt gehört, geht unser Duck-Fahrzeug zu Wasser. Wir sehen nun die Stadt aus der Perspektive des Charles River. Von hier aus sieht der Prudential Tower, von wo wir Boston aus der Vogelperspektive betrachtet haben, noch eindrucksvoller aus.

Am Nachmittag erlaufen wir Downtown auf Schusters Rappen: Copley Square, Boylton Street. In der Avary Street erfrischen wir uns erst einmal bei einem frisch gezapften Samuel Adams Beer, um dann die Washington Street entlang zu schlendern. Das nahe John F. Kennedy Presidential Museum & Library können wir nicht mehr leisten. Ohnehin spürt man den „Kennedy“-Geist, in der ganzen Stadt. Wir landen dann am Old State House, dem ältesten Gebäude der Stadt, das 1713 als Verwaltung der Kolonie Massachusetts eine wichtige Rolle gespielt hat. Hier wird die besondere Rolle Neu Englands spürbar, das von puritanischen Gegnern der anglikanischen Kirche besiedelt worden ist. Hier in Boston hat sich noch der eher liberale Zweig der Puritaner niedergelassen. An den britisch-königlichen Wappen, Löwe und Einhorn, ist der Ursprung der amerikanischen Geschichte symbolisch greifbar, auch wenn vom Balkon die Unabhängigkeitserklärung in Boston verlesen worden ist. An der Faneuil Hall, der ältesten Markthalle der USA suchen wir dann ein Taxi, das uns wieder zum Hotel bringt, denn die Füße tragen uns nicht mehr so weit.

Vom Skywalk haben wir noch einmal einen Blick auf das unglaubliche Lichtermeer des abendlichen Boston, bevor in der „Cheesecake Factory“ ein leckeres Steak zu uns nehmen, was so gar nicht zum Namen des Restaurants passt, aber hervorragend schmeckt.

13.11. 2018

Heute regnet es in Strömen, so dass wir erst einmal gemütlich das Hotelzimmer nutzen. Schließlich müssen endlich die Philadelphiatage in Wort und Bild auf die Seite. Bei diesem Sauwetter empfiehlt sich interessantes Interieur. Was könnte eine lebhaftere Abwechslung bieten zu dem historisch-kulturellen Schwerpunkten bisher als das New England Aquarium. In der Tat sind wir von der Vielfalt der Meeresbewohner und der umsichtig tierfreundlichen Art der Präsentation begeistert. Das absolute Highlight ist ein riesiges Meerwasserbecken von 760.000 l, was sich über 3 Stockwerke erstreckt und sicher 20 m Durchmesser hat. In ihm finden auch große Meeresbewohner einen angemessenen Lebensraum. In Zusammenarbeit mit dem Anderson Cabot Center for Ocean Life ist die Intention des Aquariums, Verständnis für den Schutz unserer Meere zu vermitteln, überall erkennbar. Verknüpft ist der Besuch noch mit einer 3D-Show im Imax Theater. Wir haben Glück, dass wir den Film über Galapagos sehen können.

Der Regen hat aufgehört und wir bummeln noch einmal an den schon vertrauten Plätzen vorbei. Im TJMax kaufen wir vorsorglich Mützen und warme Handschuhe. Denn den ersten Kälteshock haben wir gestern erlitten. Auf halben Weg in „unser“ Viertel löschen wir in einer Bar in der Boylton Str. unseren Durst mit dem schon geliebten Samuel Adams Beer. Diesmal laufen wir die ganze Strecke zurück. Das macht Appetit auf ein Fish-Menue im „Summer Shack“, welch ein krönender Abschluss der Bostontage!

 

14.11. 2018  Harvard Cambridge, Cape Cod, South Yarmouth

Die Sonne lockt wieder verführerrisch, aber ein eisiger Wind macht den Aufenthalt im Freien beschwerlich. Ganz unverständlich, dass man heute wieder Leute in kurzen Hosen rumlaufen sieht. Haben die eine Bärenhaut? Wir nehmen uns di Zeit für Packen, Frühstücken im Prudential Center und Auschecken, bis uns die böse Überraschung einholt, dass die letzte zusätzliche Nacht fast genauso teuer war, wie 2 Nächte vorher.

Die Navigation nach Harvard stellt sich als relativ kompliziert heraus, weil es so viele Harvard Street, Place, Square etc. gibt. Schließlich finden war aber doch hin, nur ein Parkplatz lässt sich schwer ergattern. Da der Komplex dieser berühmtesten Uni der USA so groß ist, leiten uns die angesprochenen Passanten auch zu unterschiedlichen Plätzen, bis wir das Visitor Center in dem klassizistischen „Agassiz“-Center finden. Auf die vorgeschlagene ausführliche Führung durch Harvard-Studenten verzichten wir wegen unseres Zeitbudgets. Uns genügt es, die Atmosphäre der ältesten Universität Amerikas (gegründet 1636), die die uralten Eichen und die umstehenden Backsteingebäude am Harvard Yard ausstrahlen, auf uns wirken zu lassen. Also hier haben 8 amerikanische Präsidenten und Dutzende von Nobel- und Pulitzer-Preistägern ihr Studium absolviert. Überhaupt wirkt Boston mit seinen 32 Hochschulen und über 135.000 Studentinnen und Studenten sehr jung, ein gigantisches „Freiburg“. Das macht auch den besonderen Charme dieser Stadt aus, von der wir uns nur schweren Herzens verabschieden.

Bevor wir nach New York, zu unserer letzten Station und dem Höhepunkt unserer Reise, weiterfahren, wollen wir uns am Cape Cod noch ein bisschen Atlantikluft um die Nase blasen lassen.

Aber auch hier finden wir historisches Gelände vor. Fast auf den Tag genau landeten vor 398 Jahren die Pilgrim Fathers mit der berühmten Mayflower am Cape Cod statt im ursprünglich avisierten Virginia. Sie gründeten dann hier in der Nähe den Ort Plymouth Massachusetts.

In unserem kuscheligen Hotel „Ocean Club on Smugglers Beach“ in South Yarmouth finden wir eine kleine, hübsch im Seebäderstil eingerichtete Ferienwohnung, ein Hallenbad und einen eigenen Hotelstrand, den aber zu dieser Jahreszeit nur die Möwen bevölkern. Unser Hotel ist eines der wenigen, das zu dieser Zeit noch offen ist, deshalb gut besucht. Die untergehende Sonne gibt unserem eisig-windigen Spaziergang am Strand einen romantischen Schein. Aber die Salzluft tut gut. Ein geöffnetes Restaurant für ein gemütliches Dinner zu finden ist in dieser Jahreszeit ebenfalls nicht ganz einfach. Das „Black Cat“ am Hafen von Hyanis bietet uns beides, gemütliche Atmosphäre und vorzügliche Fischgerichte.

 

15.11. 2018  Cape Cod  South Yarmouth

Der Wind hat sich gelegt, ab und zu lugt die Sonne aus der schweren Wolkendecke. So macht der Spaziergang trotz der frischen Temperatur von 2° gehörig Spaß, wenn nicht die vielen schönen Muscheln wären, die Katrin aufsammeln muss. Am Strand finden wir erstaunlich viele dünne Panzer der Horseshoe Crab, diesem vorsintflutlichen Urtier, das seine Gestalt seit 65 Mio Jahren nicht geändert hat. Neben den Möwen durchwühlen auch andere Seevögel, die uns unbekannt sind, die bei Ebbe an den Strand gespülten Seetang und Muschelhaufen. Zum Lunch lassen wir uns noch mal im „Black Cat“ eine Clam Chowder schmecken. Immerhin soll dieses Lokal Gewinner beim Chowder-Wettbewerb von Cape Cod dieses Jahr gewesen sein. Im Hafen von Hyanis legt gerade ein Schnellboot nach Nantucket ab. Für einen kurzen Moment schwanken wir, ob wir mitfahren auf die Walfängerinsel, wo Hermann Melville seinen Moby Dick beginnen lässt. Aber die Aussicht auf schlechtes Wetter heute Nachmittag und unser Ruhebedürfnis lassen uns vom Kai aus die Fähre davonfahren sehen. Tatsächlich schlägt das Wetter in Sturm und Regen um, so dass wir uns in dem warmen Hallenbad vergnügen und den Tag in unserem kleinen Feriendomizil gemütlich bei Schreiben und Lesen beenden, während draußen der Sturm um das Gebäude rast.

 

 

16.11.2018  Cape Cod – Bridgeport Connecticut

Wir verabschieden uns von der Ostküste von Massachusetts mit einem Strandspaziergang. Der nächtliche Sturm hat das Meer aufgewühlt und in anderen Teilen, z.B. in New York, eine erste Schneekatastrophe herbeigeführt. Jetzt tobt das Meer immer noch an den Strand und der Sturm nimmt den Atem. Zeit zum Aufbruch! Wir haben uns sehr wohlgefühlt im Ocean Club on Smuggler`s Beach. Wir fahren die I-95 Richtung Südwest an der Küste von Massachusetts, Rhode Island (an der Hauptstadt Providence) und Connecticut entlang bis ca. 40 Meilen vor NYC. In New Haven fahren wir am Hafen entlang, nur von Ferne grüßt die berühmte Universität Yale. Ich habe das Hotel Holiday Inn in Bridgeport ausgewählt, weil es einen Pool, schöne Zimmer hat und doch bezahlbar ist, Hier wollen wir noch einmal ruhig Luft holen vor dem Abenteuer New York. Am Abend nach einem erholsamen Bad im Pool haben wir in einem richtig guten italienischen Restaurant in der Nähe gessen. Wie sich herausstellte, stammt der Chef aus Sorrento. Die Liebe hat ihn nach USA verschlagen, auch die nette Bedienung kommt aus Rom. Man fragt uns, was uns nach Bridgeport verschlagen hat. Gute Frage: nur weil es relativ nah an New York liegt.

 

New York City

 

17.11.2018 Bridgeport Connecticut – New York (Manhattan: East Village, Chinatown, Little Italy)

Zunächst funktionierte kein Navi und wir sind blind mal die Interstate 95 nach Süden gefahren, bis dann schließlich das Navi wieder funktionierte, Gotteseidank, die Einfahrt nach New York

wäre sonst noch chaotischer ausgefallen. Trotzdem lässt „Big Apple auch mit Navi kein einfaches Ankommen zu.. Verfährt man sich einmal, ist es schwierig wieder zurückzufinden.

Natürlich haben wir uns zweimal verfahren. Aber um 11Uhr standen wir vor dem Haus 104 W. 70. Str. zwischen Broadway und Columbus Av im Stadtteil Upper West Nachdem wir das Gepäck ausgeladen haben, begleiten, führen uns Thomas und Diana durch den verstopften und chaaotischen Verkehr bis ins West Village. Erst als wir das Auto wohlbehalten und rechtzeitig abgegeben haben, wird miit bewusst, dass ich mit meinen 74 Jahren durch Manhattan gefahren bin. Und nun kann die Erkundung der Stadt der Städte zu Fuß oder mit der U-Bahn beginnen.

Wir sind sogleich hingerissen von dem Tempo und der himmelstrebenden Architektur. Als Vorwort für diese unglaubliche Stadt passt das Zitat aus dem Geospeziel vortrefflich:

 

„Diese Stadt passt in kein normales Format: zu hoch, zu schnell, zu weitläufig. Sie wandelt sich ständig und glänzt mit neuen Attraktionen. Doch selbst ihre Klassiker sind for ever young“

Geo Spezial 2017.

 

Ganz in der Nähe der Rückgabestelle im „Village“ nehmen wir erst einmal einen Begrüßungsschluck in Thomas` Stammlokal „Mr. Soiley`s Old Ale House“. Hier geht es urig zu, eigentlich eher, wie man sich ein Pub in Irland vorstellt. Auch wenn die Häuser hier eher europäisches Format haben, streben doch dazwischen und im Hintergrund überall Hochhäuser in den Himmel. Durch eine Lücke sehen wir dann das Wahrzeichen von „Big Apple“, das Empire State Building. Wir reiben uns die Augen. Ja, wir sind wirklich in New York Manhattan. New York mit seinen fast 9 Millionen Einwohnern setzt sich aus 5 Stadtteilen zusammen: Manhattan, Bronx, Queens, Brooklyn, Staten Island. Die Insel Manhattan, umflossen von Hudson und Esat River ist von der Fläche her der kleinste Stadtteil, weist aber die dichteste Besiedlung auf. Hier spielt die eigentliche Musik. Aber auch Manhattan ist riesig und in viele kleinere Stadtviertel aufgeteilt. Auf unserem ersten Spaziergang lernen wir Little Italy und Chinatown kennen. Ersteres sieht wie das „alte“ New York aus mit den Feuertreppen an der Fassade und die runden Wassertanks auf den Dächern, so, wie man es aus alten Filmen und Krimis her kennt. Doch darüber kratzen schon die Hochhäuser des Financial District an den Wolken. In Chinatown fühlt man sich wirklich nach Fernost versetzt. Es wimmelt nur so von kleinen Läden, Straüßenverkäufern und Passanten. Auch die meisten Schilder sind in Chinesisch geschrieben. Inder Mott Str. gehen wir in ein chinesisches Lokal zum Mittagessen. Wir hören Diana zum ersten Mal bewusst Chinesisch mit der Bedienung sprechen. In der Roof Top Bar des Crown Hotel (Bowery Ecke Canal Str.) sind wir überwältigt von dem Blick auf die Häusermassen, vor allem die Ansammlung der Wolkenkratzer von Midtown. Hier wird uns zum ersten Mal bewusst, dass diese Stadt nicht nur in ihrer Ausdehnung gigantisch ist, sondern die Häuser scheinen auch in der Vertikale in einem Wettstreit um die höchste Spitze zu stehen, herausragend in wörtlicher Bedeutung das neue One World Center (541m) im südlichen Teil Manhattans, das Empire State Building (381m) in Midtown sind nur die deutlichsten markierungspunkte. Aber sie recken sich nicht allein in den Himmel, sondern haben schier unzählige Begleiter. Wir lernen schnell, dass man New York nicht mit einem Blick erfassen, schon gar nicht auf ein Foto bannen kann. Wir verfolgen die Canal Str., die Little Italy von China Town trennt, nach Westen bis zum Einstieg der Subway Linie 1 bis zur 72. Str. W. Was für ein Tag, was für ein Ankommen in dieser Metropole! Ohne Thomas und Diana wären wir ein Stück weit verloren gewesen.

Wir genießen die Gastfreundschaft bei Diana für eine Woche.

 

So, 18.11. Central Park, Upper East, Madison Av., Radio Music City Hall

Heute präsentiert sich das Wetter ein bisschen wolkig, aber immer wieder kommt die Sonne durch. Das lädt ein zu einem Spaziergang durch den Central Park. In den Dakota Apartments 72. Str. /Ecke Central Park Way hat John Lennon mi Yoko Ono gewohnt. Gegenüber betreten wir den Central Park bei dem kleinen Bereich des Central Park, den die New Yorker im Andenken an das Attentat auf John Lennon 1980 „Strawberry Fields“ nach dem bekannten Beatle Song nennen. Ein rührendes kleines Memorial ist dem großen Beatle gewidmet. Wir laufen um den Ramble Lake herum nach Norden bis zum Großen Reservoir, das nach Jacquelin Kennedy Onassis genannt ist. An dem Umstand, dass uns die Füße langsam schwer werden, wird uns bewusst, wie weit wir schon durch diesen riesigen Park gelaufen sind. In dieser Stadt ist eben alles gigantisch. Aber die wunderbar gefärbten Bäume und die Blicke auf die flankierenden Hochhäuser aus dem 19. und 20. Jhdt von Upper East und Upper West lassen uns die Anstrengung vergessen. Vom Guggenheim Museum an der 5. Av. Interessiert uns vor allem die Architektur von Frank Lloyd Wright aus den 50iger Jahren. Im Moment verspüren wir noch keine Lust in ein Museum zu gehen. Ohnehin ist uns die Kunst der modernen Klassik auch aus vielen Museen Europas bekannt. Das ergeht uns auch beim Metropolitan Museum of Art. Das klassizistische Gebäude lockt uns in das prächtige Foyer. Aber die Menschenmassen und das Interesse zunächst die fremde faszinierende Stadt zu erleben lassen uns auf einen ausführlichen Besuch dieses sicherlich bedeutenden Museums verzichten. In der Upper East Side wohnen die Reichen, hier hat in einem Apartment Jacqueline Kennedy gewohnt, hier haben auch die plastischen Chirurgen der Schönen und Reichen ihre Praxen. Im Museum Breuer, Madison Av., ruhen wir uns bei einem kleinen Salat aus, ohne auch hier der Versuchung zu erliegen, die Ausstellungen dieses Museums näher zu betrachten. Die Straßen der Stadt und ihre atemberaubende Atmosphäre sind eine zu starke Verlockung. Auf der Madison Av. Finden sich die Edelkaufhäuser wie Barney’s und die zahlreichen Ketten internationaler Marken Tür an Tür. Allen ist gemeinsam, dass nur wenige Stücke im Schaufenster stehen und nirgends Preisauszeichnungen zu finden sind. An 5th werfen wir einen Blick in die Fin de Siecle-Pracht des New York Plaza-Hotels. Auf mehrfachen Rat, uns unbedingt eine typische Broadway-Show in der Radio City Music Hall (53. Str/ 5.Av) anzuschauen, holen wir uns Tickets für die 17 Uhr Vorstellung. Aber zunächst stärken wir uns erst einmal im Rosie O‘Grady´s Pub. Die gemütliche Atmosphäre hier gefällt uns so sehr, dass diese Kneipe unser Erfrischungsort für die Streifzüge durch Midtown sein wird. Zusammen mit einer riesigen Schlange von Besuchern kämpfen wir uns gerade noch rechtzeitig durch die Sicherheitskontrollen in die Radio City Music. Katrin ist von der Show enttäuscht. Sie hat eigentlich eine Sinatra-mäßige Broadwayshow erwartet. In der Eile vor dem Ticketschalter hatten wir nicht bemerkt, dass aktuell eine Weihnachtsshow geboten wird. Allerdings kann sie als Event-Managerin beurteilen, wie perfekt die Präsentation gemacht ist. Ich meinerseits finde die Veranstaltung nur grässlich. An inhaltlicher Leere und kitschigen Klichees ist das Machwerk nicht zu überbieten. Um einen dämlichen Santa Claus wirft das Rockettes-Ballet im Gleichschritt hoch die Beine. Can Can im Elchkostüm, wie abgeschmackt. Nach der Begeisterung der Zuschauer zu urteilen, haben wir zumindest einen tiefen Einblick in die naive Seele vieler Amerikaner bekommen. Nachdem wir uns von der Veranstaltung und den Menschenmassen noch einmal im Rosie O‘Grady´s Pub erholt haben, laufen wir den Broadway von der 52. Str. W zu Fuß bis zur 70. Str. zu Dianas Wohnung. Der Weg durch das abendliche Lichtermeer von Midtown nach Upper West ist atemberaubend. Immer wieder bleiben wir stehen um zu staunen. Das hell erleuchtete Lincoln Center mit der Metropolitan Opera weckt unsere Freude auf den Besuch dieses berühmten Hauses am 20.11.

 

Mo.19.11. Lower Manhattan, Staten Island

Mit der Subway Linie 1 fahren wir zum Endhaltepunkt nach South Ferry. Die New Yorker U-Bahn wäre auch ein Kapitel für sich wert. Hier nur ein paar Bemerkungen: Das Netz wurde am 27. Oktober 1904 eröffnet und zählt damit zu den ältesten der Welt. Mit 25 Linien, 472 Bahnhöfen, 380 Streckenkilometern mit über 1355 Kilometern Gleis und fast 5 Millionen Fahrgästen pro Tag gehört es zu den längsten und zugleich komplexesten Netzen weltweit. Der Ticketkauf, die Benutzung und Orientierung fällt uns mit Hilfe Dianas leicht, so dass wir uns bald auch selbstständig in diesem komplexen Netz bewegen können. Heute begleitet uns Thomas in den südlichen Teil New Yorks. Den besten Blick auf Lower Manhattan genießt von der Fähre nach Staten Island. Sie ist kostenlos und bietet wirklich einen atemberaubenden Blick, so dass wir dann sogleich mit der nächsten Fähre zurück nach Manhattan fahren, denn Staten Island selbst ist nicht so interessant. Man kann sich nicht satt sehen an dem Prospekt der immer näher rückenden Südspitze Manhattans. Durch den Battary Park und auf der West Str. nähern wir uns dem Ground Zero. Hier, wo bis 9/11 die Twin Tours des World Trade Centers standen, haben die New Yorker ein eindrucksvolles Mahnmal gebaut. Zwei große Becken in den Maßen der beiden Türme lassen einen umlaufenden Wasserfall in einem viereckigen Abgrund verschwinden. Auf den Marmorbeckenrand sind die Namen der Opfer verzeichnet. An den jeweiligen Geburtstagen stecken die New Yorker eine weiße Rose in den Namenszug. Der Entwurf für dieses höchst eindrucksvolle Mahnmal stammt vom Architekten Daniel Liebeskind. Als Symbol und Zeichen, dass sich die Stadt vom Terrorismus nicht terrorisieren lässt. haben die New Yorker daneben das One World Center gebaut, mit seinen 541m übertrifft das One World Trade Center die Zwillingstürme des World Trade Centers um über 120 Meter. Aber noch spektakulärer ist der sich unterirdisch ausbreitende U- Bahnhof Oculus. Oculus gleicht einer riesigen weißen Kathedrale. Der Boden besteht komplett aus weißem italienischen Marmor. Weiße, geschwungene Stahlrippen heben sich am Dach des Gebäudes. Damit möchte Architekt Santiago Calatrava an die Flügel einer Taube erinnern – eine Würdigung des symbolträchtigen Ortes und der Anschläge vom 11. September. Vier Milliarden US-Dollar hat der Oculus gekostet – mehr als vier Mal soviel wie die Elbphilharmonie. Jeden Tag nutzen 50.000 Pendler diese Station. Katrin besucht auch das Ground Zero Memorial Museum, während Thomas und Diana uns im Financial District an der Wall Str. treffen. Eigentlich wollten wir an einer Führung in der Federal Reserve teilnehmen, doch es sollte nicht klappen. Gleichwohl ist das Viertel spektakulär genug. Die New Yorker Börse nimmt sich mit ihrer klassizistischen Tempelfassade wie ein Zwerg gegen all die umstehenden Hochhausreisen aus.

 

Di, 20.11. Midtown (Time Square, 5.Av, Moma, Met)

Da das Wetter etwas Trübsinn verbreitet und nicht zu Outdoor-Aktivitäten verleitet, treten wir erst gegen Mittag zusammen mit Diana unsere Erkundung von Midtown an. Mit der Subway bis Times Square/42.St. Nur wenige Schritte sind es zum Time Square, der vor 20 Jahren, wie wir hören, noch ziemlich verwahrlost und nicht ungefährlich gewesen sein soll, jetzt ein Mekka des Marketings. Eine riesige Reklamewand löst die andere ab. Hier laufen unentwegt Werbespots über diese Makrowände. Die teuerste ist so groß wie ein Fußballfeld und kostet in der Woche 4 Mio Dollar Miete. Der Gesamteindruck lässt das Werbegeflimmer zu einem gigantischen bewegten Bilderbad verschwimmen. Ein eindrucksvolles Beispiel für den Erfolg von Marketingstrategien stellt das M&M-Haus dar. Ein simples Produkt, von farbigem Zuckerguss umhüllte Schokoladelinsen, das vom Nestlé-Wettbewerber Mars Inc. in eine Kultware über 3 Stockwerke in allen Variationen zelebriert wird. Auch wenn man sich von dem Trubel angewidert abwendet, muss man den Erfolg der Webestrategie zugeben. Nach Katrins Einschätzung erlebt man hier ein perfektes Merchandising. Als ein unbedingtes Muss an sehenswerten Highlights galt für uns der Besuch des Musum of Modern Art (Moma). Deshalb reihen wir uns in den dichten Besucherstrom brav und geduldig ein. Eigentlich hatten wir uns auf die amerikanischen Künstler gefreut. Neben einzelnen für uns weniger interessanten aktuellen Installationen sind amerikanische Künstler kaum vertreten, ein Bild von Andy Warhol und eins von Roy Lichtenstein, ein paar Jackson Pollock. Den großen Raum nehmen die europäischen Klassiker der Moderne ein, einige Picasso, Matisse, Mondrian …. Um das einzige Van Gogh-Gemälde drängeln sich Trauben von Menschen. So können wir unsere Enttäuschung trotz der sicher bedeutenden Sammlung und perfekten Präsentation nicht verbergen. Im Basler Kunstmuseum oder im Pariser Centre Pompidou sieht man erheblich mehr und bedeutendere Werke der klassischen Moderne. Wir stärken uns in unserem Rosie O`Grady`s Pub nur mit einer leckeren Clam Chowder, denn uns erwartet um 18 Uhr ein Pretheater-Menu im italienischen Restaurant „Sole“ am Broadway in der Nähe des Lincoln Center. Für ihre Gastfreundschaft bedanken wir uns bei Diana und Thomas mit einem gemeinsamen Besuch der Metropolitan Opera (Met)., Heute steht die Oper von Bizet „Les pêcheurs de perles“ auf dem Programm. Wir erleben eine opulente Inszenierung, ein fantastisches Orchester und hervorragende Stimmen, so dass die Opernaufführung ein wahrer Genuss wird. Die älteste Tochter von Diana und Thomas ist extra von ihrem Studienort Princeton wegen dieser Aufführung angereist. Ein netter Drink in einer nahen Bar beschließt den genuss- und erlebnisreichen Abend.

 

Mi, 21.11. Empire State Building, High Line, Chelsea Market, Bowery

Das Wetter verspricht heute einen sonnigen und klaren Tag, deshalb starten wir schon früh mit Thomas zum Empire State Building. Und es bewahrheitet sich wieder der alte Spruch: „Der frühe Vogel…“, keine Warteschlangen hindern uns an einer rasanten Aufzugsfahrt ins 82. Stockwerk. Zunächst geben wir uns dem ausführlichen Blick aus 380 m über Manhattan hinter Glas und im Warmen hin. Lange stehen wir stumm ergriffen von dieser geradezu unwirklichen Schau einer unglaublichen Stadt. Es dauert eine Weile, bis man sich von dem atemberaubenden Gesamtblick löst und Details erkennt und sich aus der Vogelperspektive in den Stadtteilen orientieren kann: Im Westen der Hudson und Upper West, im Norden der Central Park und die Columbia Universität, dahinter Haarlem und die Bronx, im Süden der Bereich zwischen Midtown und Lower Manhattan und der Financial District, im Osten die Brücken über den East River, Brooklyn und Queens. 2 Stockwerke hörher betritt man die offene Aussichtsterrasse. Auch wenn hier ein eisiger Wind pfeift, können wir uns von den irrwitzigen Ausblicken kaum losreißen, obwohl der wachsende Besucherandrang uns weiterschiebt. Eigentlich fühle ich mich in der Sprache sonst recht sicher, um Eindrücke und Erlebnisse angemessen zu schildern, aber nun fehlen mir die Worte, um nur annähernd zu beschreiben, was sich hier oben dem Auge darbot. Ich denke an ein Zitat in dem Bildband über New York, den ich im Guggenheim Museum erstanden habe: „diese Stadt lässt sich nicht erfassen...“ Nachdem wir gut eine Stunde in der luftigen Höhe auf New York geblickt haben, bringt uns der superschnelle Aufzug wieder nach unten, bevor wir ganz ausgekühlt sind. Uns wird langsam wieder warm, da wir ein beträchtliches Wegstück hinter uns bringen müssen, um von der 5.Av./34 St. bis zum Einstieg in den High Line Park (30. St./10.Av) zu gelangen. Eine in den 30iger Jahren gebaute Güterhochbahntrasse, die 1980 stillgelegt worden ist, hat man zu einem Fußgängerpfad umgewandelt, so läuft man nun in 20 m Höhe zwischen den Häuserfluchten auf Viadukten über Straßen mit grandiosen Ausblicken. Das ursprünglich industriell geprägte und von armen Leuten bewohnte „Meatpacking“- Viertel, das seinen Namen von den hier früher ansässigen Schlachthöfen  bezieht, hat sich zu einem angesagten Nobelviertel gemausert. Aus Fabrikhallen sind Loftwohnungen geworden, andere Häuser mussten moderner interessanter Architektur weichen. Aber es gibt auch noch etliche alte Häuser, die im hippigen Stil von Künstlern und Alternativen bewohnt werden. Hier wird es an manchen in Fenstern ausgestellten Werken sichtbar, wie verächtlich man in New York über den gegenwärtigen Präsidenten denkt, auch wenn er mit seinen Trumptowers in einigen Stadtteilen sehr präsent ist. Wir verfolgen den Highline Walk bis zur 12. Str. W, um uns im Chelsea Market bei einem Kaffee oder Tee aufzuwärmen. Wir trennen uns hier von Thomas wehmütig, denn er muss zurück und sich auf den Weg nach Newark machen, von wo heute Abend sein Flieger nach Deutschland startet. Wir fahren mit der Subway zur Canal Str. und suchen in zwei von Diana im Internet aufgestöperten Shops nach einem schönen Cowboyhut für Katrin. Der Western Shop am Broadway/Walker Street hat nur Filzhüte, erst im Bowery, in der Mulberry St. im „Space Cowboy“ wird Katrin fündig. Ein Vietnam-Restaurant in der Lafayette Str, belohnt das lange Suchen mit einem leckeren Mittagessen. In der Canal Str. finden wir dann wieder die Subway Linie in unser Upper West Viertel, in dem wir uns schon heimisch fühlen.

 

Do. 22.11. Thanksgiving in Upper West Side, Grand Central Station, Vereinte Nationen

Thanksgiving ist eines der wichtigsten Feste für die Amerikaner, fast noch wichtiger als Weihnachten, erfahren wir. Zu diesem Fest kommen die Familien zu ihrem traditionellen Truthahnessen zusammen. Heute sinkt das Thermometer auf -7° C. Der traditionellen Thanksgiving-Parade scheint das aber kein Hindernis zu sein. Man spricht zwar vom kältesten Thanksgiving seit 100 Jahren, aber der Umzug mit riesigen aufgeblasenen Figurenluftballons findet dennoch ein begeistertes Publikum. Ich komme durch die Menschenmassen gar nicht ganz bis an den Central Parkway heran, wo der Umzug in der Upper West Side stattfindet. Aber die Ballonfiguren schweben ohnehin über den Massen. Die Wärme im Schmuckgeschäft von Katie Thompson (73. Str. W/ Colombus Av.) tut richtig gut. Noch warmherziger ist der Empfang von Katie. Wir erkennen einander sofort wieder, obschon wir uns sicher seit über 30 Jahren nicht gesehen haben. Wenig später treffen die Eltern von Katie ein, Susie und Wayne, die auch schon vor Tagen nach New York gereist sind, um ihrer Großelternpflichten nachzukommen. Später stoßen dann noch Diana und Katrin dazu. Wir lernen zwei Kinder von Katie kennen, Sophie und Liam. Langsam füllt sich der Schmuckladen auch mit Passanten, die von der Parade zurückströmen. Es wird Zeit, uns von Susie und Wayne zu verabschieden, auch wenn der Abschied schwerfällt, haben wir doch intensive und erlebnisreiche Tage miteinander verbracht. Wir sind am Nachmittag Treffen mit Diana im Grand Central Station verabredet. Dieser durch viele amerikanische Filme bekannte Bahnhof wurde 1903 -1913 im Stil der Beaux-Arts erbaut. Mit seinen 67 Gleisen auf zwei Ebenen ist er der größte Bahnhof der Welt. Die gigantische Eisenbahn-Kathedrale wird täglich von mehr als 500.000 Menschen genutzt, ist dadurch das meistbesuchte Gebäude der Stadt, obwohl man an diesem Bahnhof nur Regionalzüge und Subways erreicht. Die Fernzüge enden nämlich am Penn Station. Aber selbst an Thanksgiving wird der Bahnhof von zahllosen Passanten bevölkert. Eindrucksvoll ist die große Haupthalle mit der dunkelblaugrünen Deckenausmalung als Sternenhimmel und dem zentralen Kiosk mit vier Uhren.1968 wurden Pläne bekannt, das Gebäude abzureißen, um an dieser Stelle weitere Hochhäuser errichten zu können, da das Grundstück mehr wert sei als das Gebäude selbst. Doch auf Beschluss des obersten US-Gerichts 1978 blieb es erhalten und wurde anschließend renoviert. Wir treffen Diana am vereinbarten Platz, denn sie will heute Nachmittag noch die Vereinten Nationen zeigen. Das Uno Hauptquartier finden wir an der United Nations Plaza am Ufer des East River zwischen der 41. Und 48 St. E. Leider ist der Gebäudekomplex weiträumig wegen Sicherheitsmaßnahmen abgeriegelt, so dass man die symbolhafte Skulptur eines Revolvers mit zugeknotetem Lauf nur schwer ausmachen kann. Trotzdem bleiben das Verwaltungshochhaus und das Gebäude der Generalversammlung immer noch eindrucksvoll, obgleich die Fahnenmasten der 193 Mitgliedsstaaten heute leer dastehen. . Gleichsam ironisch wirkt das nahe Trumphochhaus, weiß man doch, wie sehr der Präsident die UNO verachtet. Auf dem Rückweg laufen wir auf der 50.St. E am berühmten Hotel Waldorf Astoria, das zurzeit von einem Bauzaun verhüllt ist, am Rockefeller Center vorbei und sehen, wie der größte Weihnachtsbaum der Welt gerade aufgerichtet wird unmittelbar hinter der großen Eislauffläche. Leider werden wir ihn vollgeschmückt nicht mehr live sehen können.  Dafür baden wir noch einmal in der Menge am Time Square und werden von den Reklamelichtkaskaden überschüttet. Der Tummelplatz des weltweit dichtesten und teuersten Werbegeflackers ist am Abend noch überwältigender. Die U-Bahn Richtug heimatlicher Upper West wirkt dagegen geradezu erholsam ruhig. Diana erwartet uns mit einem speziellen Thanksgiving-Menu ohne Truthahn.

 

 

23.11. Brooklyn, Brooklyn Bridge, Chinatown Good-Bye Drink im Skyroom

Unser letzter voller Tag in New York ist von kaltem, aber sonnigen Wetter mit glasklarer Sicht gekennzeichnet, wie geschaffen für unsere besondere langsame Begegnung mit Manhattan über die Brooklyn Bridge. Die U-Bahnlinie C bringt uns unter dem East-River durch nach Brooklyn Heights. Zunächst suchen wir den kleinen Park am East-River auf, das scherzhaft „Dumbo“ genannt wird, nicht nach dem Walt Disney Elefanten, sondern als Abkürzung D.U.M.B.O. für Down Under the Manhattan Bridge Overpass. Von hier aus hat man einen grandiosen Blick auf die Brooklyn Brücke und auf Manhattan jenseits des East River. Den Einstieg auf die Rampen der Brücke in Brooklyn zu finden, war nicht ganz einfach, aber dann schließlich strebten wir auf der über die Fahrbahnen erhöhten Fußgänger- und Fahrradtrasse dem östlichen großen Pfeiler zu. Je näher wir kamen, umso gewaltiger staunten wir vor der enormen Ingenieurleistung. Die Brooklyn Bridge ist eine der ältesten kombinierten Hänge- und Schrägseilbrücken in den USA. Zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung 1883 war sie längste Hängebrücke der Welt; und ihre Pfeiler waren die höchsten Bauwerke in New York. Sie hat eine Länge von insgesamt 1834 m einschließlich der Auffahrtsrampen. Eigentlich kann man die Überquerung bequem in einer halben Stunde schaffen. Wir aber kommen nur schrittweise voran. Immer müssen stehen bleiben, um die auch höchst ästhetische Konstruktion zu bewundern, mehr aber noch sind wir hingerissen von dem sich langsam nähernden Manhattan. Das klare Wetter erlaubt eine weite Sicht bis zur Freiheitsstatue und nach Staten Island, aber die Häusermasse und die dichten himmelstrebenden Wolkenkratzer fesseln unsere Blicke. Erst nach einer Stunde haben wir vom Schauen schier überwältigt das andere Ufer erreicht. In Manhattan angekommen biegen wir am Rathaus in die Centre Str. vorbei an dem klassizistischen Hochhaus der New York City DCAS (Department of Citywide Administrative Services) und an der Tempelfront des Supreme Court vom Staat New York., bis wir an der Canal St. Wieder das schon vertraute Chinatown erreichen. Hier haben wir uns zum Mittagessen mit Diana verabredet. Sie lädt uns in das kleine Restaurant Dim Sum V.I.P. ein, di eine originale chinesische Küche bieten, keine an westliche Erwartungen angenäherte, wie wir sie bei uns kennen. Das ist noch einmal eine ganz andere Begegnung mit einer sehr schmackhaften und ideenreichen Küche. Da die Geschäfte heute am „Black Friday“ besonderen Discount anbieten, kann Katrin auch noch eine hübsche Markenjeans im Kaufhaus C21 am Broadway in Upper West preiswert ergattern. Am Abend stellt sich langsam Wehmut ein, denn morgen werden wir nicht nur New York, sondern auch Diana und die USA verlassen.

 

24.11./25.11. New York JFK, Frankfurt, Batzenhäusle

Wir hätten noch den Vormittag für irgendwelche Unternehmungen zur Verfügung. Aber wir haben in diesem Monat, nachgerade in der letzten Woche so viel gesehen, so mannigfaltige Eindrücke gewonnen, dass ein gewisser Sättigungsgrad erreicht ist, der die Verarbeitung der gewonnenen Eindrücke neuen Impulsen vorzieht. Außerdem können wir in aller Ruhe packen. Diana hat uns einen Fahrer aus ihrer Bekanntschaft besorgt, der uns mit dem schweren Gepäck direkt abholt und bis zu dem weit entfernten John-F.-Kennedy-Flughafen bringt. Mr. Bradley stellt sich nicht nur als ein erfahrener und ortskundiger Fahrer heraus, der Staus und Verkehrsverdichtungen geschickt ausweicht, sondern er erklärt uns auch noch die Gebäude, Stadtteile und Wegmarken und erzählt dazu interessante Geschichten. Welch ein eindrucksvoller Abschied von dieser außergewöhnlichen Stadt!