Der lange Heimweg

5. - 9. 12. 2022

 

Unsere lange Rückreise beginnt mit der ebenfalls langen Taxifahrt von Taioha’e, vom äußersten Süden, über die ganze Insel Nuku Hiva zum Flugplatz am äußersten Nordrand. Die z.T. halsbrecherischen kurvenreichen Anstiege und Pässe sind noch durch Steinschlag, den der gestrige Regen verursacht hat, erschwert. Wir sehen, wie deutlich die Technik hier noch der Natur unterworfen ist. Unsere Wartezeit am Flugplatz wird durch die feierliche Ankunft eines französischen Marineattachés, der mit einer Trommelgruppe, blumenbekränzten jungen Polynesierinnen und vom Bürgermeister von Taioha’e überschwänglich willkommen geheißen wird, abwechslungsreich gefüllt. Denselben Flieger nutzen wir dann für den Rückflug nach Papeete. Aber nach der Zwischenlandung auf Hiva Oa geht nichts mehr. Wir erfahren nach energischer Nachfrage, dass ein Stück einer Propellerspitze abgebrochen ist. Ob wir heute weiterfliegen können, hänge ab, wie schnell eine Ersatzmaschine aus Papeete zur Stelle sei. In demselben Moment wollte gerade die kleine Snackbar in der Miniabflughalle schließen, bevor die Air Tahiti Angestellte das gerade noch verhindern konnte. Es heißt wieder mal warten. Aber auch diese Situation hat ihr Gutes. Als Leidensgenossen lernen wir eine kleine dänische Reisegruppe, die von einem Segeltörn durch die Inselwelt Polynesiens nach Neuseeland unterwegs ist, kennen. Wir finden uns gleich sympathisch und tauschen in den verbleibenden 5 Stunden Wartezeit manch interessante Erfahrungen aus. Um 17 Uhr trifft tatsächlich eine leere Maschine aus Papeete ein, mit der dann nach 5 ½ Stunden Verspätung der Rückflug stattfinden kann. Wir hatten auch schon gefürchtet, erst am nächsten Tag nach Papeete fliegen zu können, denn die Distanz über 1.600 km muss erst einmal überwunden werden. Für solche oder ähnliche Vorkommnisse hatten wir wohlweislich einen Puffertag vor unserem eigentlichen Abflug nach Paris eingeplant. Thomas muss allerdings unsere Vermieterin davon informieren, dass wir mit erheblicher Verspätung dann doch noch in Papeete Faa’a eintreffen, und sie bitten, uns am Flughafen abzuholen.

 

So können wir Dienstag, den 6.12. noch für Einkäufe und einen letzten Besuch von Papeete nutzen. Ich bin schon früh von unserer Unterkunft in den Hügeln zur Hauptstraße von Faa‘a hinuntergelaufen, um uns für ein Frühstück und für den letzten gemeinsamen Tag zu verproviantieren. Als ich auch noch eine schöne Flasche Weißwein für unser Abschiedsdinner erstehen will, sehe ich zu meinem Erstaunen, dass alle Alkoholika-Regale mit einem Warnschild „Alcool fermé“ versehen sind. Auf meine Nachfrage erfahre ich, dass vor 7 Uhr kein Alkohol verkauft werden darf.  Das erinnert so ein bisschen an die scheinheiligen Verbote und Einschränkungen in UK und USA. Punkt 7 Uhr kann ich dann meinen Weißwein an der Kasse bezahlen.

Wir haben bei Google Maps gefunden, dass sich ganz in der Nähe des Flugplatzes eine Verkaufsstelle für Vanille findet. Den Schweiß, der uns bei dem kleinen Anstieg zu der Verkaufsstelle von der heißen Stirn rinnt, nehmen wir nachdenklich lächelnd in Kauf, denn es ist uns klar, dass dies die letzte sommerliche Wärme vor der winterlichen Kälte ist, die uns in Europa erwarten wird. Wir machen die Erfahrung, dass Vanille auch hier im Erzeugerland sehr teuer ist – nicht so teuer allerdings wie bei uns zu Hause. Deshalb eignet sie sich als ein wirklich ortstypisches Mitbringsel. Leider hat der Verkäufer nur noch wenige Packungen mit Schoten, schon gar kein Vanille Pulver, so dass wir mit dem Bus noch einmal nach Papeete fahren, um auf dem Markt unsere Suche auszudehnen, und die Erfahrung machen, dass Vanille hier noch mal 20 % teurer ist. Gleichwohl, wir decken uns dennoch mit ein paar Geschenkpäckchen ein. In den Flugzeugen von Air Tahiti hatten wir auf dem Prospekt für Bordangebote eine Karte der französisch-polynesischen Inselgruppe gesehen, wo die ganzen Archipele auf die schattenhaften Umrisse von Europa gedruckt sind und deshalb eindrucksvoll ihre Ausdehnung auf dem unendlichen Pazifik anschaulich wird. Da auf Nachfrage die Karten an Bord nicht zu haben waren, wurden wir auf die Hauptagentur von Air Tahiti in Papeete verwiesen. Nach längerem Suchen und vielen Hinweisen von Passanten finden wir das Büro schließlich. Wir waren schon zweimal daran vorbeigelaufen, weil wir nicht erkannt haben, dass das Büro im Erdgeschoss eines kitschigen chinesischen Palastes, der der Chinesischen Philanthropischen Gesellschaft (Maffia?) gehört, untergebracht ist. Das scheint uns fast wie eine Art Symbol für den wachsenden Einfluss Chinas im pazifischen Raum zu sein. An dem Informationsschalter wird unsere Frage nach der Karte nur mit ungläubigem Erstaunen aufgenommen. Erst unsere nachdrückliche Nachfrage, alle Wartelisten der sitzenden Kunden dreist ignorierend, hat bei einem leitenden Angestellten Erfolg und wir waren nun endlich im Besitz dieser eindrucksvollen Karte. Inzwischen kommen uns die Straßen der Innenstadt von Papeete, die so gar nicht nach einem Ortszentrum aussieht, ganz vertraut vor. Das kleine Restaurant am Hafen ist nun schon fast unsere Stammkneipe, wo wir uns noch mal erfrischen, bevor wir dann mit dem Bus wieder nach Faa‘a zurückfahren. Ein letztes Mal decken wir uns in der Fisch-Kette Vini Vini mit wundervollem Sushi ein. Der letzte gemeinsame Abend mit Thomas wird zu einem nachdenklichen Resümieren dieser außergewöhnlichen Reise.  Unsere Gedanken sind es wert, in einem Extra-Exkurs, den ich dem Bericht anfüge, zusammengefasst zu werden.

 

Am Mittwoch, 7.12. 2022, unserem Start der langen Rückreise, müssen wir wieder früh aufstehen. Ein letzter gemeinsamer Kaffee mit Thomas. Nun trennen sich unsere Wege wieder für geraume Zeit. Er fliegt morgen von Tahiti nach L.A. und von dort nach NYC, wo er mit Diana auch das Weihnachtsfest feiern wird. Die Rucksäcke, schon am Vorabend gepackt, werden einem letzten Check unterworfen, das Zimmer unserer letzten Unterkunft bei liebenswerten Einheimischen mit Blick auf Faa’a, den Flughafen und die schäumende Brandung am schützenden Riffgürtel wird noch einmal durchforscht, ob wir nicht doch etwas vergessen haben. Trotz all dieser Umsicht konnte nicht verhindert werden, dass Katrin ihre Brille, die sie für das Abschiedsfoto abgenommen hatte, im Zimmer liegen ließ. Gottseidank fällt ihr der Verlust noch ein, bevor unser Fahrer auf die Hauptstraße zum Flughafen einbiegt. Kein so gutes Omen, denke ich im Stillen und erinnere mich des Unfalls mit unserem Taxi vor dem Flughafen von Mexico City just vor einem Jahr. Gottseidank aber habe ich mich geirrt, denn wir werden relativ störungsfrei uns und alle Habe unbeschadet und gesund nach Hause bringen.

Am Flughafen meiden wir die lange Schlange vor den Check-In-Schaltern, weil ich uns schon am Vortag online eingecheckt habe. Das Baggage Drop ist schnell erledigt und unser Gepäck wird zu unserer Erleichterung nach Paris durchgecheckt, ohne dass wir in L.A. mit dem Gepäck belästigt werden. So bleibt uns noch etwas Zeit, dem Treiben auf dem kleinen Flughafen zuzuschauen. An der Wand bewundern wir ein riesiges Weihnachtsposter, vor dem die Familien für ein Foto reihenweise posieren. Dort ist allerdings kein Weihnachtsbaum, kein Santa mit Elchen, sondern ein in Tätowierungsstilisierung abgebildeter Manta zu sehen. Das macht uns noch einmal die große geographische und kulturelle Differenz zu Europa deutlich.

Für den Rückflug haben wir uns eine Reservierung in einer Zweierreihe am Fenster gegönnt. Das zwängt uns nicht so ein und hat trotz der sonstigen drangvollen Enge auch noch so einen Anflug von Privatsphäre. Wir werden von Air France rund um die Uhr gut versorgt und mit den Filmchen vergehen auch die Stunden nicht ganz so quälend wie befürchtet. Aber das ist ja auch erst die kürzere Etappe (6.500 km – 8 Stunden). Zu sehen ist nicht viel, immer dasselbe Bild über Stunden: kleine Wölkchen, die auf dem schier endlosen Pazifik niedliche Schatten werfen. Da wir gegen die Zeit fliegen, vergeht der Tag „wie im Flug“. Als wir in L.A. für den technischen Stopp zwischenlanden, ist es schon dunkel. Auch diesmal verläuft die Immigrationsprozedur für uns Transit-Leute relativ rasch und geräuschlos. Lediglich die Sicherheitsleute bei dem erneuten Sicherheitscheck nerven rum, ohne natürlich etwas zu finden. 

Die zweite längere Etappe bis Paris CDG (9.000 km – 11 Stunden) wird dann doch zu einer Marterstrecke. Denn wir kommen einfach nicht in den Schlaf. Ich dämmere wohl manchmal kurze Zeit weg, aber Katrin kämpft frustriert gegen das übermüdete Wachsein.

 

Es ist fast ein Wunder, dass wir dann am Nachmittag (Ortszeit) des 8.12. 2022 nicht völlig gerädert in Paris eintreffen. Inzwischen sind wir - gemessen an der Lokalzeit in Tahiti – 24 Stunden ohne Schlaf auf den Beinen. Trotz unseres umfangreichen Gepäcks können wir unser ehrgeiziges Ziel, nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu kommen, erfolgreich realisieren. Bei dem wenig benutzten Vorortzug von CDG in die Innenstadt von Paris gelingt das noch leicht. Schwieriger wird das bei der Metro. An der Haltstelle „Châtelet - Les Halles“ müssen wir einen Zug auslassen, der so stark besetzt ist, dass wir keine Chance haben, reinzukommen. Auch in den zweiten müssen wir uns mit Nachdruck reindrängen – und das mit unserem Gepäck -. Gottseidank, denke ich, können wir morgen die kurze Strecke vom Hotel zur Gare de l'Est zu Fuß zurücklegen. Da sollte ich mich gründlich irren – aber dazu später. Völlig geschafft, aber glücklich, kommen wir in unserem vorgebuchten „Hotel de Bordeaux“ an, glücklich auch darüber, dass unser Paris-Koffer, der nun schon 5 Wochen auf uns wartet, uns ausgehändigt wird. Eigentlich ist uns zumute, ins Bett und in einen ohnmächtigen Schlaf zu fallen. Doch wir wollen noch durchhalten, bis die ortsübliche Schlafenszeit angebrochen ist. Die Zeit angenehm zu überbrücken, hilft uns das kleine italienische Restaurant im gleichen Gebäudekomplex wie unser Hotel. Wie gut kann eine Pasta und ein italienischer Rotwein schmecken!!!!

Kurz vor dem Schlafen schaue ich zur Sicherheit noch mal unsere TGV-Fahrkarten für morgen an. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder: in meinem festen Glauben, dass wir auch wieder von der Gare de l'Est abfahren, habe ich überlesen, dass unser Zug morgen um 7 Uhr 22 von der Gare de Lyon abfährt.  Also wird es nichts mit dem zu Fuß. Wir entschließen uns, morgen nicht noch mal die Metro zu nehmen, sondern uns mit dem Taxi zur Gare de Lyon bringen zu lassen. Gottseidank habe ich nicht erst am Abreisetag mir die Tickets noch mal angeschaut. Diese neue Erkenntnis und die Unsicherheit, ob unser TZGV trotz des Eisenbahnerstreiks bei SNCF morgen tatsächlich fährt, lässt nur einen fragmentarischen Schlaf bei mir zu. Auch Katrin wird durch den Lärm von Betrunkenen in der nächtlichen Straße um einen erquicklich langen Schlaf gebracht.

 

Freitag, 9.12.2022. Beim Warten auf den TGV an der Gare de Lyon wird uns fast schmerzlich die bissige Kälte (2° C) bewusst, die sich auch mit einem heißen Cappuccino nicht aus den Gliedern vertreiben lässt. Welch ein Kontrast zu Tahiti!  Aber, Hauptsache unser TGV fährt und wir kommen auch noch pünktlich in Mulhouse an. Je näher wir jedoch der Heimat kommen, umso mehr nehmen eigenartigerweise die Probleme zu. Unser Anschlusszug nach Müllheim (Baden) fällt wegen Streik heute aus. Bis wir diese Info erhalten und dass ein Bus als Schienenersatz eingesetzt wird und wo der abfährt, vergehen angespannte und ängstliche Minuten – und das alles mit unserem umfangreichen Gepäck! Immerhin hat der Anschlusszug von Müllheim nach Freiburg so viel Verspätung, dass wir ihn gerade noch erreichen. Auf die Bahn ist eben doch Verlass!!! Wir denken in unserem kindlichen Urvertrauen, dass wir dann auch noch den Anschlusszug ins Elztal erreichen. Von der Zeit könnte es funktionieren. Doch als wir atemlos mit dem Gepäck auf den Bahnsteig gehetzt sind, lesen wir, dass der Zug heute wegen Streik ausfällt. Also richten wir uns ein, mit dem nächsten Zug eine halbe Stunde später zu fahren. 10 Minuten nach der Zeit, an der der Zug hätte abfahren sollen, teilt uns der Lokführer mit, dass er versucht, eine Störung zu beseitigen. Er sei zuversichtlich, dies in Kürze zu leisten. Nach weiteren 15 Minuten muss er kleinlaut zugeben, dass er es nicht geschafft hat und bittet uns, den nächsten Zug zu nehmen, gerade noch rechtzeitig, denn der wird in 5 Minuten abfahren, allerdings von einem anderen Gleis als im Fahrplan, wie wir gerade noch in letzter Minute von einem Mitreisenden erfahren, um dann völlig abgehetzt mit unsrem vielen Gepäck in dem vollbesetzten Zug Platz zu suchen.

Die Bahnodyssee nimmt dann erst im Bahnhof Batzenhäusle ein Ende. Geradezu beschwingt, weil wir die lange Heimreise endlich geschafft haben, kommen uns die letzten 800 m bis zu unserer Wohnung wie ein Endspurt vor. Überglücklich treten wir in eine wohlig warme Wohnung ein. Heidrun hat sie vorgeheizt und uns einen wunderschönen Willkommenstisch weihnachtlich mit einer selbst gebackenen Linzertorte und ihren fantastischen – natürlich selbst gebackenen – Weihnachtsplätzchen gestaltet. Welch ein Willkommensgruß!!!!

 

 

 

 

 

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