Private Fernreisen
Private Fernreisen 

Mexico 19.10. -9.11.2021

 

 

Präludium

Leider hat Corona verhindert, dass wir Katrins Traumreise in die Südsee, die schon fertig geplant war, Flüge gebucht, Vorfreude geschärft etc, im Spätherbst 2021 antreten konnten. Mit Thomas haben wir eine Alternative gesucht: in die USA reisen, Susie und Wayne besuchen, noch einmal in die Stadt eintauchen, die niemals schläft, und noch ein wenig Kalifornien. immerhin ist das Katrins zweiter Traum, noch einmal San Francisco und Big Sur bis San Diego. Aber wir Europäer aus dem Schengen Raum dürfen ja nicht in die USA einreisen. Diana hat die Idee, die auch vom AA für USA-Reisewillige empfohlen wird: 14 Tage vorher nach Mexico reisen und von dort in die USA fliegen. Und schon steht der Alternativplan. Mexico wird genutzt zum Erholen und Kulturgenuss. Danach können wir problemlos in die USA, hoffen wir mal zu diesem Zeitpunkt.

 

Batzenhäusle – Isla Mujeres, Quintana Roo, Mexico

19.10.2021

Um 5 Uhr beginnt der Tag heute mit den letzten Checks, Wohnung klar machen, Vesper richten, denn um 6 Uhr 45 holt uns Ulf ab, um uns liebenswerter Weise mit den Koffern an den Bahnhof Batzenhäusle zu bringen. Die S-Bahn nach Freiburg, der ICE nach Frankfurt, der Marsch zum entsprechenden Terminal, alles klappt heute störungsfrei, selbst die Bahn hat es ohne spürbare Verspätungen geschafft. Der kalte heftige Regen draußen lässt unsere Motivation, diesem typischen Oktober-Novemberwetter zu entfliehen, deutlich wachsen.Erst die Checkin-Schalter von Condor versetzen uns in Schrecken: eine riesige Schlange von Urlaubshungrigen belagert die wenigen offenen Schalter. Da auch der „Dropp-off-Schalter“ noch geschlossen ist, müssen wir uns wohl oder übel hinten anstellen. Eine ganze Armada von zitronengelb gewandeten Sektenangehörigen taucht die unspezifische Masse in ein fast kurioses Bild. Die Zeituhr tickt bedenklich, bis dann doch schließlich der Drop-off-Schalter geöffnet wird und wir dann schneller unser Gepäck loswerden können, da gottseidank doch noch nicht so viele Reisende ihre Bordkarten wie wir vorher ausgedruckt haben. Insgesamt bleibt nach der Sicherheitskontrolle gerade noch mal so viel Zeit, um eine Erfrischung zu nehmen und für Katrin einen kurzen Besuch im Dutyfree zu gewährleisten. Als wir dann endlich auf unseren engen Economy-Plätzen angelangt sind, vergeht dann doch noch fast eine Stunde wegen Verzögerungen bei der Gepäckaufnahme, bis wir endlich in der Luft sind. Und jetzt noch quälend lange 11 Stunden in diesem Sitzkäfig eingepfercht!!!! Irgendwie kriecht dann die Zeit doch schneller als gefürchtet. Aus dem Fenster ist wenig zu erkennen. Bis USA bleibt alles in dichte Wolken gehüllt und der einzige optische Höhepunkt ist dann allerdings doch Manhattan aus 11000 m in strahlendem Sonnenschein. Thomas genießt also in NYC herrlichstes Wetter, während uns in Cancun dann heftiger Tropenregen empfängt. Um 17 Uhr 30 (Ortszeit) gelandet, unkompliziertes rasches Einreisen in Mexico, unser Gepäck bei den ersten Laufbandaktionen, daher keine Warteschlangen beim Bankschalter, um Pesos einzutauschen, und beim Bestellen eines Shuttles bis zum Fährhafen Benito Juarez. Erst der dicke Verkehr und die Staus um Cancun herum erinnern uns daran, dass wir durch eine Metropole von 650.000 Einwohnern fahren, einer Retortenstadt auf den ersten Blick, die nichts mit den mexikanischen Großstädten gemeinsam hat, an die mich erinnere. Aber das war auch schon vor 47 Jahren. Am Hafen haben wir noch 45 Min. Zeit, ein Bierchen und eine Portion Nachos mit Guacamole zu genießen, ein erster Touch mexikanischen Lifestyles, bis uns die Rapidfähre Ultramar in 20 Min zu unserer Isla Mujeres bringt. Nun noch die letzten kleinen Hindernisse mit übermüdeten Sinnen überwinden, den Kampf um das Taxi am Terminal und die Hoffnung, dass die Hotelrezeption noch besetzt ist.

Als der Check-in erfolgreich vollzogen und das Zimmer bezogen ist, kommen wir erst zur Ruhe, nachdem wir an der nahen Strandbar ein Ankunftsbierchen getrunken haben, um dann nach ca. 24 Stunden auf den Beinen in bewusstlosen Schlaf zu fallen.

 

Inselalltag 20. – 27. 10.2021

Wer sich vorgestellt hat, er taucht an dieser Riviera Maya, wie der Hunderte Kilometer lange Strand an der Ostküste von Yucatan vom mexikanischen Tourismusministerium vollmundig benannt wird, in ein ursprünglich mexikanisches Ambiente ein, der ist auf den Werbetrick reingefallen. Dazu gehören wir nicht. Wir haben gelesen, dass Cancun zu einer der gigantischsten Touristenindustrie auf der Welt geworden ist. Deshalb haben wir unser erstes Feriendomizil ja auch, fern der monströsen Zona Hotelera, auf der vorgelagerten Isla Mujeres gewählt, wohl wissend, dass auch diese Insel kein Geheimtipp mehr ist. In der Nebensaison und nicht am Wochenende ist hier auch tatsächlich wenig los.

 

Unser Hotel mit einem etwas in die Jahre gekommenen Charme, aber mit allen Annehmlichkeiten versehen, entspricht also ganz dem etwas mehr familiären Umfeld, das wir schätzen. Ein wunderschöner tropischer Garten umgibt einen sauberen und gepflegten Pool. Unser Zimmer, mäßig geräumig, aber mit einem großen Bett und Klimaanlage ausgestattet, bietet die Voraussetzungen für einen angenehmen Aufenthalt. Das sehr kontinentale Frühstück mit zwei Toasts und spärlich portionierter Butter + Marmelade nehmen wir aber an einem der schönsten Plätze der Insel ein. Durch einen luftigen Palmengürtel schwimmt der Blick auf einen traumhaften Strand, auf türkisfarbenes Meer, nur weit am Horizont drohen die Hotelburgen. Die Füße spielen in einem puderzuckerfeinen weißen Sand. Ganz zu schweigen von einem herrlichen Meeresbad in einem wohltemperierten Wasser, das gerade noch so warm ist, dass es beim Eintauchen erfrischend wirkt, dann aber den Drang weckt, nie mehr aus dem Wasser zu stiegen. Das wissen leider auch viele Tagesausflügler, so dass gegen Mittag zahlreiche Boote und Yachten vor dem Strand dümpeln und die Badesüchtigen im flachen Wasser aussetzen. Am Wochenende allerdings belagert eine endlose Armada von Booten die Küste, so dass die Ausflügler wie Ölsardinen dicht im Wasser stehen, manche mit einer Bierflasche in der Hand. Die Masse der Erholungssuchenden setzt sich keineswegs nur aus sonnenhungrigen Amerikanern und Europäern zusammen, sondern vor allem aus einheimischen Familien. Die Fleischberge werden nur spärlich von schützenden Textilien verhüllt, was bei jugendlichen Erscheinungen vielleicht noch optische Reize auslöst, aber bei der Mehrzahl die augenscheinlichen Verwüstungen der Zeit am menschlichen Körper offenbart. Am Montag ist der ganze Spuk verflogen und man hat den Eindruck eines einsamen Eilands.

 

Die Insel „Mujeres“, so benannt nach kleinen Statuetten der Mayagöttin Ixchel, Göttin der Furchtbarkeit und des Mondes, die die spanischen Eroberer in großer Zahl auf der Insel gefunden haben, ist gerade mal 7 km lang und an der breitesten Stelle kaum mehr als 1 km breit. Das vorwiegend benutzte Fortbewegungsmittel sind elektrische Golfcarts. Mit einem solchen Gefährt sind wir von unserem Nordstrand an die Südspitze getuckert. Ein verlassener Leuchtturm bietet dort Fregattvögeln eine willkommene Startrampe. Eine barbusige Figur von Ixchel erinnert an den Namen der Insel, auf einer vorgelagerten Klippe thront eine kleine Mayaruine, die man überteuert besichtigen könnte. Außer Hotels, allerdings nur wenige gigantische Bettenburgen, Restaurants, Bars und Andenken- und Freizeitläden gibt es kaum eine Infrastruktur. Ein kleiner Dorfmarkt bietet Früchte an, sonst ist alles auf touristische Belange geeicht. Deshalb werden hier auch keine mexikanischen Preise berechnet, das Preisniveau ist durchaus mit unserem zu Hause vergleichbar. Einige sehr gute Restaurants bieten ausgezeichnete Fischspezialitäten an mit einem durchaus annehmbaren Preisleistungsverhältnis.

 

Alles in allem, finden wir auf der Isla Mujeres die besten Voraussetzungen für ein erholsames Ankommen im tropischen Klima und in Mexiko. Für Katrin hat unser Nordstrand durchaus etwas Paradiesisches, so dass sie sich ein wenig mit der Tatsache, dies Jahr nicht in die Südsee zu reisen, versöhnen kann.

 

Am Freitag ist Thomas aus NYC gelandet und wir haben ihn von der Fähre mit einem Golfcart abgeholt, nun ist unser Reisetrio komplett. Er hat allerdings ganz Erstaunliches bei seiner Einreise in die USA am 6. 10. erlebt, das er am besten selbst berichtet:

Exkurs: Thomas’s Abenteuer am Ckeckin-Schalter….

 

LH 181, LH 402 & ESTA-ODYSEE ex BER

 

Wer sich mit den vorstehenden Hieroglyphen nicht so ganz auskennt: keine Überraschung! Selbst mir als Vor-Corona “Vielflieger Thomas” ging es bis zu meinem geplanten Abflug am 6.Oktober vom neuen Berliner Flughafen nach Newark / New York so. Als Ehepartner einer US-Staatsbürgerin hatte ich das Privileg einen Ausnahmetatbestand zum Einreiseverbot für EU-Bürger zu erfüllen. Nach Erhalt meiner ESTA-Visumsbefreiung eine gute Woche vor Abflug, bin ich dann frohgemut frühmorgens mit dem Berliner Verkehrsverbund zum BER unterwegs.

Beim Umstieg am Berliner HBF um 7:30 Uhr dann ein “Update” von ESTA: “….there has been an update to your Travel Authorization Status…”. Aha. Was wird das wohl sein? Nach etwas komplexerem Log-in die weitere Nachricht: “…your application has been withdrawn….”. Nochmals Aha bei mir: Was mag das wohl bedeuten, wo ich zwar einen ESTA-Antrag gestellt (und auch bewilligt erhalten) hatte, aber nicht zurückgenommen, jedenfalls nichts Gutes….

Beim Versuch des Check-Ins für Vielflieger bei der Lufthansa (Flug LH 181 nach Frankfurt, LH 402 weiter nach Newark) dann die lapidare Aussage der Lufthansa: Können Sie leider nicht einchecken, es liegt keine gültige ESTA-Genehmigung vor. Und jetzt? Zügiges WLAN-LogIn des iPads und einen neuen ESTA-Antrag stellen nach Abarbeiten von 7 Frageseiten. Das Ganze bei noch verbleibenden knapp 90 Minuten vor Abflug. Gleichzeitig Alternativen am “Service-Desk” eruieren: wie sieht’s mit Umbuchungen für morgen oder übermorgen aus? Was soll das kosten? Nach wenig zufriedenstellenden Auskünften der LH, dann noch Kontakt mir der LH-Hotline: Auch von dort, nach Warteschleife, wenig erbauliches: Ohne ESTA geht nichts. Nach einer 3/4-Stunde und Blick auf den Account: “Your ESTA has been updated”. Mit dieser Nachricht und Hilfe einer erfahrenen LH-Dame vor die Schlange am Flugschalter eingeordnet um den Check-in hinzubekommen: Wiederum die Aussage “Ihr ESTA ist bei uns nicht auffindbar”. Nach weiteren Diskussionen am Schalter: Ah, ihr ESTA ist in der Sekunde hereingekommen… Also Bordkarte erhalten (auch für den Weiterflug nach New York) mit dem Hinweis: Ihr Flug nach Frankfurt erfolgt auf “eigene Gefahr”, d.h. nicht sicher, ob ich in Frankfurt weiterkomme und etwaiger Rückflug nach Berlin ist selbst zu zahlen. Nach erfolgreichem Durchlaufen des Sicherheitsprozederes Flug nach FRA. Bei der Prüfung der beglaubigten Kopien von Ehezeugnis und Pass meiner Frau Diana in der Vorkontrolle am Gate in Frankfurt, leuchtet bei der finalen Prüfung der Bordkarte für den Weiterflug dann die “rote Lampe” auf. Oha. War der bis dahin recht stressige Angang doch alles für “nichts”? Nach weiterem Check meiner Vielfliegerkarte, zahlreichen Telefonaten hinter dem Schalter und dem Hinweis “Sie sind der letzte Gast, auf den wir warten”, die Auskunft: Wir drucken ihnen jetzt eine neue Bordkarte “erneut auf eigenes Risiko” aus. Einstieg, Sitzlatzeinnahme in der wenig gefüllten “Prime Eco”, langsames Losrollen und entspannen….

Ende gut - alles gut? Noch nicht ganz. Nach erfreulich ereignisarmem Flug nach New York werde ich dann von den Einreisebeamten “aus der Schlange” zur “Secondary Control” gebeten. Abwarten in separatem Raum, dann Frage und Erklärung, welchen Ausnahmetatbestand ich erfüllen würde (“…my wife is a US-Citizen…”). Dann Einreisestempel und freundliche Wünsche: “Have a good time in America”.

Jetzt kann ich mich auf 2 Wochen New York mit Diana freuen, anschließendes Wiedersehen mit Katrin und Detlev in Mexiko, bevor wir alle gemeinsam weitere Stationen an der US Ost- und Westküste bereisen werden.

 

Eine zweite Inseltour mit Thomas am Steuer eines Golfcart, diesmal bei herrlich strahlendem Sonnenschein hat uns in zweifacher Hinsicht unsere Entscheidungen für den Inselaufenthalt als überaus zutreffend bestätigt. Zum einen haben wir das Hotel La Joya an der Südwestspitze der Insel besucht, das Detlev und Katrin zuerst gebucht hatten und das schon keine freien Zimmer für Thomas hatte, was uns zur neuen Suche nötigte. Es entpuppte sich als hübsches Hotel mit anmutiger Anlage und einem schönen Pool, hoch über einem doch für zwangloses Schwimmen eher ungeeigneten Strand. Und dann hätte man doch mindestens 5 km mit dem Golfcart fahren müssen, um in ein belebtes Zentrum zu kommen, ruhig, aber weit „weg vom Schuss“ eben. Wie gut, dass Thomas dort kein Zimmer mehr gefunden hat und wir deshalb eben zu neuen Überlegungen veranlasst wurden! Die zweite heilsame Erkenntnis wurde uns zuteil, als wir an der Südspitze ein Bierchen in einer Bar genossen mit herrlichem Blick über das Meer und auf die gespenstische Hotelkulisse von Cancun in der Ferne. Plötzlich fiel eine Horde spärlichst bekleideter Urlauberinnen und Urlauber unterschiedlicher Ethnien über den Aussichtspunkt her, um sich mit aberwitzigen Gesten und Freudengeheul von dem einheimischen Guide vor der Meereskulisse fotografieren zu lassen. Als wir dann die Aufforderung des Guides zur Weiterfahrt auf die Insel Contoy vernahmen, fiel uns ein, dass wir eigentlich auch eine Exkursion dorthin erwogen hatten, die wir aller weniger wegen der überhöhten Preise als vielmehr aus Vorsicht, in Coronazeiten nicht mit vielen Leuten auf einem kleinen Boot zusammengepfercht zu sein, verworfen hatten. Welch gute Entscheidung! Kaum auszudenken, wie wir uns gefühlt hätten, wenn wir mit einer solchen Horde auf engstem Raum hätten zusammenschippern müssen.

 

Kleines Resümee unseres Inselaufenthaltes

 

Eine Woche haben Katrin und ich, Thomas 5 Tage, die Insel erlebt und genossen. Am genussreichsten waren die frühen Morgen- und die späten Abendstunden, bevor die invasionären Armadas von Ausflüglerbooten und die massenhaften Tagestouristen die Insel zu überfallen pflegten. Wie sich das in der Hauptsaison abspielt, wollen wir uns lieber nicht vorstellen. Aber in diesen ruhigen Stunden bot die Insel, nachgerade unser Nordstrand, ein geradezu paradiesisches Ambiente: überaus gepflegter Strand mit puderzuckerfeinem weißem Sand, eine bescheidene Strandbar, an der wenigstens das mexikanische Bier mundete und das überaus bescheidene Frühstück, aber mit welcher Aussicht auf die türkisfarbenen Fluten, in denen wir uns nur zu gerne mehrmals am Tage aalten. Unser familiäres, etwas angejahrtes Hotel entzückte vor allem mit dem wundervollen Garten, freundlichem Service und absoluter Strandnähe. Und gerade in den Mittags- und Nachmittagsstunden, wenn der Andrang am gewaltigsten wogte, bot es eine ruhige Oase. Wenn man nach mehreren Versuchen die richtigen Bars und Restaurants neben den vielen schlechten und teuren herausgefunden hat, kann man durchaus gut essen und trinken, allerdings mit durchaus europäischem Preisniveau oder darüber. Die hochsommerlichen Temperaturen lassen den Sommer noch einmal aufblühen, auch wenn man sich erst an die feuchtheiße tropische Luft gewöhnen muss. Alles in allem: Isla Mujeres bot eine phantastisch erholsame Zeit mit Sehnsuchtspotential.

 

Aber Mexiko sieht anders aus. Und das wollen wir doch etwas näher kennenlernen, wenn auch nur in Ausschnitten.

 

27.10.2021 Fahrt von der Isla Mujeres nach Merida Yucatan

Den Morgen des Donnerstags konnten wir noch ganz gemütlich inselmäßig verleben, ein frühes Bad im Meer, unser gewohntes spärliches Frühstück in der Hotelbar, diesmal mit eigens im Markt erstandenen tropischen Früchten angereichert. Um 12 Uhr brachte uns ein Taxi zum Fährhafen, einTragflügelboot in 20 Minuten an die Küste von Cancun, wo uns dann sogleich ein weiteres Taxi zum Busterminal transportierte. Um 14 Uhr 07 verließ unser First-class-Bus der ADO-Linie Richtung Merida das Terminal. Aber so ganz first class haben wir den ADO-Service nicht wahrgenommen. Zunächst einmal dauerte die Fahrt fast eine Stunde länger, als im Fahrplan ausgeschrieben, sodann fühlte man sich durch die Klimaanlage wie in einem Eiskeller und dann brüllte noch nahezu unentwegt von der TV-Anlage her ein ohrenbetäubender Lärm uns entgegen. Am schlimmsten hat uns der mexikanische Folkstar „El Bebete“ genervt, der noch nicht einmal vernünftig die Schnulzen gesangstechnisch bewältigen konnte. Die topfebene Buschlandschaft Yucatans hat uns dann auch nicht wirklich ablenken können. Allein die superbequemen Sitze und der moderne Bus haben den Anspruch „first class“ eine Spur weit rechtfertigen können.  Vom Terminal hat uns wiederum ein Taxi zum Hotel Maya Yucatan gebracht. Die Zimmer ordentlich, auch etwas angejahrt, aber der Pool im Innenhof hat doch die Stimmung wieder angehoben. Thomas allerdings musste noch zweimal umziehen, bis sein Zimmer endlich alle Grundvoraussetzungen für eine Bleibe erfüllen konnte. Das empfohlene Restaurant in der Nähe war so gut besucht, dass wir erst eine halbe Stunde überbrücken mussten, bis ein Tisch frei wurde. Die Zeit nutzen wir für einen Apero im Parque Santa Lucia. Unser erster Eindruck: ein auch bei Abendbeleuchtung hübsches Stadtzentrum, lebendig, aber immer noch schwülwarm.

 

28.10. Merida

Herrlich erfrischend vertreiben die Schwimmzüge im Hotelpool die morgendliche Schwerfälligkeit. Im nachbarschaftlichen Restaurant „Frida“ bringt uns ein mexikanisches Frühstück in die richtige Aufbruchstimmung. Anregend sind die vielen verfremdeten Bildmotive von Frida Kahlo und die großformatigen Kopien ihrer Liebesbriefe an Diego Rivera an den Wänden. Diese Stärkung benötigten wir auch. Denn die schwülheiße Hitze lastete drückend in den Straßen. Bei der Tourismusinformation holen wir uns wichtige Informationen für die Gestaltung der nächsten Tage. Leider ist die außen sehr schlichte Kathedrale San Ildefonso geschlossen. Da sie die älteste Kathedrale des gesamten amerikanischen Kontinents ist (1598 vollendet), hätten wir uns sie schon gerne genauer angesehen. Durch eine Seitenkapelle erhaschen wir einen Teil des Inneren, das sehr monumental schlicht wirkt, ein starker Gegensatz zu den sonst so überladenen Barockkirchen des Kontinents. Massive schmucklose Pfeiler tragen ein feingliedriges spätgotisches Gewölbe.

Besonders anstrengend und nervig belästigte uns die schrille Musik, die fast aus jedem Laden übersteuert laut auf uns einstürzte. Die Orientierung in der Innenstadt sollte einfach sein, denn die Straßenzüge gleichen einem Schachbrett mit Nummern: die geraden Zahlen für die horizontale Nordsüd- und die ungeraden für die Ostwestachse. Dennoch können wir mit den Hinweisen der Einheimischen kaum etwas anfangen. Schließlich finden wir nach langem Suchen jedoch tatsächlich ein Schreibwarengeschäft und Thomas kauft sich sogar noch hochwertige Sandalen. Am Zócalo (Plaza de la Independencia), dem kulturellen und politischen Zentrum der Stadt, angelangt, sind wir so erschöpft und dehydriert, dass wir erst einmal Trinkbares einkaufen müssen. Denn der riesige mit hohen Bäumen verzierte Platz ist so streng, dass keine Bar in den Kolonnaden Erfrischungen anbietet. Man musste Trinkbares aus einem Markt der Seitenstraße herbeischaffen. Dabei unterlief mir ein gewaltiger Fauxpas: ich hatte mich so auf ein eiskaltes Bierchen gefreut und wollte das mit Thomas auf einer Bank genüsslich schlürfen. Das lockte doch ziemlich rasch die Polizei herbei, die uns freundlich, aber unmissverständlich darüber aufklärte, dass der Genuss von Alkoholika in der Öffentlichkeit verboten sei.  Wie gut, dass Katrin sich mit einem Mineralwasser begnügt hatte. Danach stand mir nur noch kurz der Sinn, die monumentalen Gebäude am Zócalo näher in Augenschein zu nehmen. Im Süden hat der Stadtgründer Francisco Montejo y Leon (1542) seinen repräsentativen Palast erreichten lassen in einem späten Renaissancestil. Das üppig mit Figuren gestaltete Portal zeigt ein Porträt des Besitzers und einige muskulöse Atlanten. Besonders martialisch und für sprechend für die gewalttätige Geisteshaltung des Gründers zeugen zwei großformatige spanische Conquistadoren, die triumphierend auf abgeschlagenen Mayaköpfen stehen. Im Westteil des Platzes beeindruckt der im neomaurischen Stil erbaute Palacio Municipal mit seinen doppelten Arkaden, den Nordteil nimmt der Palast der Regierung des Bundesstaates Yucatan ein und den Ostteil dann die Kathedrale. Aber leider kein Platz für stimmungsvolle Bars oder Restaurants.

Während der Mittagspause mache ich mich auf die Suche nach einer Post, die Briefmarken für Katrins Postkarten anbietet. Das ist gar nicht so einfach, da die Hauptpost gerade umgebaut wird und ich nach vielen Fragen und Herumstapfen endlich eine kleine Poststelle finde, und das alles in der frühnachmittäglichen Hitzestauung. Als eine ähnliche Odyssee stellte sich dann die Suche nach einem Bancomaten heraus. Man wird es nicht glauben, wie schwer es offenbar fällt, in einer fast Millionenstadt wie Merida eine Bank mit einem funktionierenden ATM zu finden. Auch die Einheimischen konnten mir nicht weiterhelfen, selbst unser Hotel lieferte keine brauchbaren Hinweise. Allein Google-Maps sollte mich dann nach dem Abendessen zu einen ATM führen, der tatsächlich funktionierte, welche Beruhigung.

Für das Abendessen wollte Thomas einer Empfehlung des Tourismusbüros folgen und im Museo de la Gastronomia Yucateca speisen. Gottseidank hatten wir über das Hotel einen Tisch reservieren lassen. Wir bestellten viele kleine Häppchen, um so ein breites Repertoire der yucatecischen Küche kennen zu lernen. So ließen wir uns ein vielfältiges Angebot der überaus leckeren Speisen schmecken. Leider zügelte ein besonderes, offenbar häufig verwendetes Gewürz Katrins Appetit. Thomas lernte bei den kleinen Habaneros die Grenzen seiner Schärfeverträglichkeit kennen. So machte jeder seine Erfahrungen mit der Küche Yucatans. Bei der kleinen folkloristische Untermalung antizipierten die Tanzenden mit ihren Totenkopfmasken den populären Dia de los muertos. Allenthalben spürt man schon in den Schaufenstergestaltungen das nahende große Fest.

 

Chichen Itza 29.10.2021

In vielen Dingen ist Mexico schon in der digitalen Welt angekommen. Es wird z.B. in der Innenstadt von Merida ein hervorragendes Internet mit freiem Zugang angeboten. Aber im Detail stecken dann doch die Probleme. So konnten wir zwar online die Hinfahrt nach Chichen Itza mit dem Bus buchen, aber nicht die Rückfahrt, was ein gewisses Abenteuerpotential bedeutete. Zum Glück fuhr der Bus allerdings schon um 7 Uhr 15 vom Busterminal los. Das bedeutete, dass wir vor der großen Mittagshitze und vor dem Einfall der Cancun-Massen die bedeutendste Mayastätte besuchen konnten. Die vorfreudige Erwartung ließ Katrin auch die übliche Air-Condition-Kälte im Bus ertragen. Tatsächlich mussten wir nicht lange in der Schlange vor den Ticketschaltern stehen, das Ausgrabungsgelände war auch nur maßvoll von Besuchern bevölkert und die zahllosen Händler waren erst im Aufbau ihrer Andenkenstände. Mit großer Freude durfte ich erleben, dass Katrin, die von den Pyramiden von Gizeh nicht beeindruckt, was ich bis heute nicht nachvollziehen kann, von der Kukulkanpyramide in Chichen Itza aber sehr wohl beeindruckt war. In seinem guten Zustand und seiner ausgewogenen Ästhetik ist dieses Bauwerk in der Tat ein unvergleichliches Meisterwerk der Architektur. Um das Jahr 800 n.Chr. erbaut, symbolisiert es auch in vielen Aspekten den Mayakalender: die 91 Treppenstufen auf allen vier Seiten ergeben zusammengerechnet mit der obersten Sockelstufe 365 Tage, die 9 Plattformen symbolisieren wohl die neun Stufen des Weltaufbaus nach dem Glauben der Maya, gleichzeitig stehen sie, auf jeder Seite durch die Treppen geteilt, für die 18 Monate des Mayakalenders, der jeweils 20 Tage (die Mayas benutzten ein Vigesimalsytem), gleichzeitig stehen offenbar die 52 zurückspringenden Schmuckpaneele auf jeder Seite für den 52-Jahreszyklus der Maya-Zeitrechnung. Hinter der ausgewogenen Ästhetik also auch viel mathematische Symbolik.

Von der Kulturgeschichte der Maya-Zivilisation aus betrachtet, bietet Chichen Itza, zumindest bei den eindrucksvollsten Bauten der Nordzone, die postklassische Periode von 900 n.Chr. bis zur Eroberung der Spanier. In dieser Zeit haben Stämme der Tolteken aus dem Norden des mexikanischen Hochlandes das Mayagebiet erobert und sind eine interessante Kultursymbiose mit der Maya-Bevölkerung eingegangen. Davon zeugen die große Säulenhalle des Kriegertempels und die mit typischen toltekischen Kriegern verzierten Stelen, auch der sog. Tzompantli, der einen riesigen Altar bildet, dessen Seitenwände mit zahllosen Totenköpfen verziert sind. Die spanischen Eroberer wollten hierin die blutrünstigen Opferrituale erkannt haben, was bis heute in der Forschung umstritten ist. Zwar hat die neueste Forschung auch die These von den „friedfertigen“ Mayas weitgehend widerlegt, so dass man auch bei Ihnen von Menschenopferritualen ausgehen kann, allerdings offenbar nicht in dem Ausmaß und der Brutalität, wie sie spanischen Eroberer wohl zur eigenen Exculpation erfunden haben. Die Tolteken haben auch ihren Hauptgott Quetzalcoatl, die Maya nannten ihn Kukulkan, mitgebracht, der als die gefiederte Schlange überall anzutreffen ist, vor allem an der schon beschriebenen Hauptpyramide. An den Äquinoktien reisen dann zig Tausende nach Chichen Itza, um das Lichtspiel, das die untergehende Sonne in Form einer sich windenden Schlange auf die Treppen wirft, zu bestaunen.

Der Ballspielplatz gehört in seinem Ausmaß und seiner ästhetischen Gestalt zu den eindrucksvollsten Beispielen dieser in Mittelamerika häufig anzutreffenden Anlagen. Kaum zu glauben, dass die Spieler den schweren Ball aus Vollgummi in die hoch oben angebrachten Ringe befördert haben.

Im südlichen Bezirk treffen wir auf Reste der sog. Klassischen Periode (200 n.Chr. – 900 n. Chr.), die allerdings nicht so gut erhalten sind. Hier sehen wir Beispiele des klassischen Puuc-Stils: die erste Etage der Gebäude ist mit glatten Hausteinen verziert und darüber erheben sich reich mit Reliefs verzierte Gesimse, die vielfach geometrische Figuren, aber auch häufig Masken des rüsselnasigen Regengottes Chaak abbilden.

Langsam füllte sich das Areal mit geführten Gruppen, die Mittagshitze lag drückend über dem Gelände und die allenthalben sich vordrängenden Händler lockten mit allerlei lautstarken Werbetricks Verkäufer an. Da sie nahezu alle identische Angebote feilbieten, wundert man sich, dass so viele hier Kunden finden. Ein paar Kleinigkeiten hat Katrin Ihnen abgekauft und ich habe auch nach langen Suchen ein hübsches T-Shirt gefunden, immerhin.

Alles in allem war es für uns nun Zeit, gesättigt von den Eindrücken und in Flucht vor den Besuchermassen, den Heimweg anzutreten. Das befürchtete Abenteuer der Rückreise löste sich dann doch recht angenehm. Wir fanden gottseidank einen Bus, der nach Merida fuhr, aber nicht direkt über die Autobahn, sondern über Land mit vielen Stopps. Dadurch brauchten wir eine Stunde länger für die Fahrt, sahen aber auch viel mehr von der Gegend und den Ortschaften Yucatans.

 

Naturschutzgebiet Ria Celéstun 30.10.2021

Nach dem Vergleich der Angebote verschiedener Touragenturen haben wir uns doch entschlossen, das Wagnis einzugehen, ein Mietauto für 2 Tage zu nehmen, zumal die Reiseführer wegen des guten Straßenzustands in Yucatan auch diese Transportmöglichkeit ausdrücklich empfehlen. Wir wollen uns also auf das Abenteuer einlassen, uns in den Verkehr der Fast-Millionenstadt zu stürzen. Es gilt aber noch ein großes Hindernis zu meistern, die Navigation durch die Riesenstadt ohne jegliche Hinweisschilder hinzubekommen. Gesucht wird also eine App, die auch offline Navigation anbietet und auch für Mexiko gilt. Nach einigen Versuchen stellt sich zu unserer großen Zufriedenheit heraus, dass die App „Here WeGo“ uns tatsächlich durch das Einbahnstraßengewirr von Merida hindurch erfolgreich gen Westen an die Küste des Golfes von Mexiko navigiert. Die Straßen außerhalb der Ortschaften bahnen sich den Weg schnurgerade durch den Busch und erinnern an die Highways in der amerikanischen Wüste, die geradewegs dem Horizont zustreben, nur dass man hier an einer undurchdringlichen grünen Mauer vorbeifährt. Dass wir uns langsam der Lagune von Celestun nähern, lässt das Wasser, das neben dem Straßendamm durch die Blätterwand schillert, erahnen.

Eigentlich sind wir informiert worden, dass es nicht die ideale Zeit sei, Flamingos in großer Zahl in dem Reservat zu beobachten. Dass wir aber nur so wenige und gerade mal nur ein paar Pelikane in großer Entfernung entdecken, nachdem wir mit dem Boot eine Strecke gefahren, eine größere aber auf Holzstegen durch sumpfiges Gelände uns vorgekämpft haben, ist doch enttäuschend. Die einzigen Tiere, die wir in großer Zahl antreffen, sind hartnäckig stechende Mosquitos. Auch wenn uns das Boot durch dichtes Mangrovedickicht fährt, bleibt die ziemlich teure Exkursion doch insgesamt sehr hinter den bescheidensten Erwartungen zurück, zumal auch der Bootsführer keinerlei Informationen über Flora und Fauna bietet. Unsere Mitreisenden, ein mexikanisches Ehepaar aus Mexico City, geben der Exkursion noch einen kleinen freundlich-witzigen Touch.

Der äußerst ärmliche Ort Celestun lässt kaum erahnen, dass den Strand wunderschöne Hotels und Restaurants säumen. In einem lassen wir uns zu einem köstlichen Mittagsmahl nieder. Am Samstag bevölkern viele mexikanischen Familien den Strand und die Lokale. Thomas ist hingerissen von der landestypischen Atmosphäre und auch dem Strand, der uns zu einem Bad im mexikanischen Golf-Gewässer lockt. Er genießt den Kontrast zu den touristisch aufmotzten Zentren. Außerdem begleitet unseren Nachmittagsaufenthalt eine ziemlich gute Liveband mit mexikanischen Rhythmen.

Auf der Heimfahrt leuchtet an der Armatur des Leihwagens ein Warnzeichen auf, dass mit dem Motor etwas nicht stimmt, was uns etwas Sorge bereitet, da der Golf mit seinen 300.000 km nicht mehr der neueste ist. Wir ignorieren standhaft die Warnanzeige und freuen uns über jeden Kilometer, den wir uns Merida nähern. Dann hat Thomas als Wagenlenker seine Yucatan-Prüfung bestanden und lenkt das bejahrte Auto auf den Garagenplatz des Hotels.

Den Abend beschließen noch ein paar herzhafte Drinks an der Plaza S. Lucia bei unserem eilfertigen Kellner, der sich schon erwartungsvoll auf uns stürzt.

 

Mayastadt Uxmal  31.10.2021

80 km südlich von Merida locken im dichten Busch die Reste einer der bedeutendsten Mayastädte, Uxmal. Nach beschwichtigenden Erklärungen des Rental Service, dass wir die Störungsanzeige an den Armaturen ruhig vernachlässigen könnten, wagen wir es wieder, auf eigene Faust den Weg durch das Straßengewirr Meridas nach Süden zu finden. Nach 75 Minuten Fahrzeit erreichen wir die Ausgrabungsstätte Uxmal; auch hier verhältnismäßig wenige Besucher, welch ein Glück!

 

Gleich am Eingang zum Gelände beeindruckt mit 38 m Höhe (nach fünf nachgewiesenen Überbauungen) die gewaltige „Pyramide des Zauberers“ (all die Bezeichnungen der Gebäude sind Erfindungen der Ausgräber ohne irgendeinen Bezug zur vermutlichen Funktion der Gebäude, die noch immer weitgehend strittig ist in der Forschung). Ihr ovaler Grundriss von 85 x 50 m ist einmalig in der ganzen bisher bekannten Mayaarchitektur. Den steilen Neigungswinkel der Treppenrampe von 60 ° erfasst eindrucksvoll der Blick von den Seiten. Der Weg führt durch Gebäude mit dem für die klassische Mayaarchitektur typischen Puuk-Stil (glatte Steinverblendungen in den unteren Teilen der Gebäude und reich mit Reliefs verzierte Gesimse und Architrave darüber). Sie sind ebenso wie die Pyramide um das Jahr 800 n. Chr. zu datieren. Die Ecken verzieren in großer Zahl Masken des rüsselnasigen Regengottes Chaak. Dass er hier in Uxmal offenbar der am meisten verehrte Gott zu sein scheint, hängt wohl mit der Trockenheit dieses Gebietes zusammen, das auch keine Cenotes kennt. Hier musste das Wasser aus Tiefbrunnen geschöpft werden. Wenn sich dann der Blick plötzlich auf das sog. „Nonnenviereck“, das die Ausgräber wegen der vielen kleinen Räume, die Mönchszellen ähneln, so genannt haben, ohne zu wissen, welches die tatsächliche Funktion dieses eindrucksvollen Gebäudekomplexes war, ist man von der ästhetischen Dimension und Schönheit überrascht. Das obere Geschoss wird durch Reliefs mit geometrischen Mustern, die von Chaakmasken und stilisierten Darstellungen der typischen kleinen Mayahütten, den Chotzas, abgelöst werden, geschmückt. Besonders eindrucksvoll ist der Westbau gestaltet. Um einen reliefierten Hintergrund mit typischen Mäandermustern, auf dem alternierend Herrscherporträts zu erkennen sind, ringelt sich über jeweils die Hälfte des Bauwerks eine Klapperschlange, aus deren Kopf, nur noch schwach erkennbar, ein Menschenkopf ragt. Diese eigentümliche Darstellung soll wohl den Quetzalcoatl, den die Maya Kukulkan nennen, symbolisieren. Der Gesamteindruck ist wirklich überwältigend.

 

Durch einen typischen Mayabogen mit vorkragendem unechtem Gewölbe geht der Blick auf den Ballspielplatz, der sehr viel kleiner und schlechter erhalten ist als der in Chichen Itza. Immer wieder eröffnen sich durch den Busch eindrucksvolle Blicke auf die Pyramide „des Zauberers“, so dass wir uns schon sehr freuen auf die große Pyramide, die nach dem Reiseführer die einzige noch besteigbare sein soll. Umso größer ist dann die Enttäuschung, als auch diese inzwischen abgesperrt ist. Da sie nur an einer Seite ausgegraben hoch aus dem Busch ragt, eröffnet sich von ihr, so zumindest ist meine Erinnerung an den Besuch vor 47 Jahren, ein unglaublicher Blick über die Buschlandschaft und auf die ausgegrabenen Gebäude. Aber von der sich anschließenden Plattform wird man auch mit einem passablen Blick auf den Ballspielplatz und die Pyramide des Zauberers entschädigt. Gut erhalten ist der kleine Schildkrötentempel, der am Gesims noch gut erhaltene Halbreliefs mit Schildkröten zeigt. Die Schildkröte war den Maya besonders heilig, glaubten sie in ihrem Schöpfungsmythos doch, dass sich die reale Welt auf einem Schildkrötenpanzer befindet. Daneben erhebt sich mit 100 m der längste Fassadenbau der Mayaarchitektur. Die Figur über dem zentralen Eingang soll, wie einer Inschrift entnommen wird, den Mayaherrscher Chan Chaak, den Erbauer von Uxmal, darstellen. Das Gesims ist mit eindrucksvollen Mäandermustern und mit insgesamt 200 Chaakmasken in auf- und absteigender Linie dekoriert. Leider wird das Gebäude gerade restauriert und ist ebenso unzugänglich wie der Thron mit dem zweiköpfigen Jaguar.

Im Vergleich zu Chichen Itza finden wir die ganze Atmosphäre hier intimer, weniger überlaufen, vor allem, dem Platz angemessen, ruhiger, da sämtliche Verkaufsstände aus dem Ausgrabungsgelände verbannt sind.

 

Bevor die Mittagshitze unerträglich wird und noch mehr Besucher das Gelände bevölkern, nutzen wir die individuelle Möglichkeit des Mietwagens, um uns in der Nähe bei einem leckeren Mahl zu erfrischen und zu erholen. Leider bietet der Aussichtspunkt auf einer kleinen Anhöhe nur einen weiten Blick über den Busch, aber sonst nur improvisierte Annehmlichkeiten. Also fahren wir ein Stück zurück und finden dann in der Nähe ein angemessenes Restaurant. Die Rückfahrt verläuft ohne dramatische Zwischenfälle, das Warnlicht auf dem Armaturenbrett wird hartnäckig übersehen und Thomas chauffiert uns sicher und schnell wieder ins Zentrum von Merida.

 

Abschließende Bemerkungen über Merida

Nach fünf Tagen in der Hauptstadt Yucatans fühle ich mich etwas mehr in der Lage, eine zusammenfassende Schilderung unserer Erlebnisse in Merida zu versuchen. Unser Hotel überzeugte durch seine überaus zentrale Lage und seinen großen Pool mit erfrischend kühlem Wasser. Von hier aus konnten wir alle Ziele in der historischen Altstadt fußläufig erreichen, nachdem wir uns allmählich an die Orientierung der Blocks mit ihren Zahlenfolgen gewöhnt hatten. Was uns immer wieder erstaunte: diese fast Millionenstadt verfügt über keine Hochhäuser, meistens sogar nur über einstöckige Bebauung. Umso mehr dehnt sich die Stadt in die Fläche, weshalb man endlos fährt, bis man endlich die peripheren Schnellstraßen erreicht. Die koloniale Architektur findet man allerdings nur im innersten Stadtbezirk, sonst herrschen eher die einfachen, etwas heruntergekommenen Häuschen, die man auch auf dem Lande sieht, vor.

Die Einkaufsmeile hatten wir bereits am ersten Tag kennengelernt und mieden sie wegen ihres Gedränges und der irrwitzig laut schrillenden Musik, die aus jedem Laden unterschiedlich dröhnt und sich zu einem unerträglichen Akustikbrei vermengt. Leider blieb uns das berühmte Wandgemälde im Treppenhaus des Regierungspalastes am Zocalo, das die Erschaffung des Menschen nach der Mayalegende aus Mais darstellt, wegen Covid 19 verschlossen. Auch die Kathedrale haben wir zu jeder Zeit verschlossen angetroffen, schade. Aber wir können unseren Tagesplan nicht nach den seltenen Öffnungszeiten der Kirche richten.

Merida ist, wie man lesen kann, in den achtziger Jahren des 19. Jhdt.s und Anfang des 20. Jhdt.s durch einen Sisalboom reich und mächtig geworden. Unermesslich reich wurde allerdings nur eine verschwindend kleine Oberschicht, bevor die mexikanische Revolution auch diesen Reichtum hinweggefegt hat. Zeugen dieses Booms sind die großartigen Villen am Paseo Montejo. Auch wenn einige dieser Prachtbauten durchaus an europäische Großstädte erinnern, kann man dem Reiseführer die vollmundige Formulierung, dieser Paseo sei die Antwort Meridas auf den Pariser Champs Elysee, nicht so ganz abnehmen. Es handelt sich nur um wenige solcher repräsentativer Villen und dahinter beginnt schon bald das übliche Kleinhäuschenformat. Allerdings erstreckt sich die Prachtstraße vierspurig mit Palmenallee und breiten Fußgängersteigen nach Norden. Besonders gefielen uns die bunten Phantasieskulpturen, die für einen Kinderwohltätigkeits-Event vor den Häusern aufgestellt waren.

 

In mehreren empfohlenen Restaurants haben wir die yucatekische Küche ausprobiert: wenig Gemüse, höchstens der Bohnenbrei Frijoles oder Guacacamole, aber viel Schweinefleisch, das man höchstens durch Hühnchen oder Truthahn ersetzen kann, aber schmackhaft gewürzt. Katrin schmälert aber ein gewisses Gewürz, das wir nicht genau identifizieren können, den Appetit. Deshalb begnügt sie sich meist mit Chips und Guacamole. An unserer Lieblings-Plaza Santa Lucia nehmen wir gerne am Abend noch einen Schlummertrunk. Der eilfertige Ober kommt uns immer schon freudig entgegen.

 

In Merida erlebten wir die letzten Tage vor dem in Mexico populären Totenfest „dia de los muertos“, das am 2. 11. begangen wird. Immer mehr Altäre wurden für die Ankunft der toten Seelen allenthalben in den Hauseingängen, in Geschäften und Restaurants phantasievoll geschmückt. Auch die Schaufensterauslagen spiegelten den für uns etwas makabren Umgang mit den Toten: festlich gekleidete Gerippefiguren, Totenkopfgirlanden und Verkäuferinnen, die sich eine Totenmaske ins Gesicht gemalt haben. Für uns wirkte dieser eher unverkrampft fröhliche Umgang mit dem Tod etwas befremdlich, scheint aber von der Bevölkerung sehr gepflegt zu werden. Gerne hätten wir, wie im Führer empfohlen, das Schmücken der Grabstätten auf dem Hauptfriedhof angeschaut. Aber wegen Covid wurde er schon 17 Uhr vor unserer Nase geschlossen.

 

Isla Holbox  2. – 5.11.

Zum Ausklang unserer Yucatan-Tage wollten wir das in den Reiseführern als wahrhaftiges Paradies mit puderfeinen Sandständen gepriesene Eiland Holbox besuchen. Da die Insel am äußersten Nordostende der Halbinsel Yucatans liegt, mussten wir erst einmal 5 Stunden mit dem Bus von Merida dorthin fahren. Die vielen jungen Mitreisenden ließen die Vermutung wachsen, dass die Insel wohl inzwischen ziemlich angesagt ist. Der Verdacht bestätigte sich an der Schnellfähre auf die Insel. Scharen von jungen Touristen im Partyalter strömten auf die Insel. Allerdings behielt der Reiseführer in der Ankündigung, dass es noch keine befestigten Straßen auf Insel gebe, recht. Unser Golfcart-Taxi musste sich durch riesige Pfützen und Schlammlöcher den Weg bahnen. Die Hotelanlage fanden wir im Ganzen ordentlich vor, familiär und sauber, aber nichts Besonderes. Auch die Einrichtung der Zimmer hätte uns in der Jugend sicher mehr entzückt. So nah an dem heranrauschenden Meer haben wir in Mexico noch nie eine Mahlzeit eingenommen. Katrin wird allerdings von dem vielen an den Strand gespülte dunklen Tang deutlich abgeschreckt. Bei einem Vergleich mit der Isla Mujeres oder mit dem Strand in Celestun kann dieser Standort ehrlicherweise nicht mithalten. Aber wir wollen nicht vergleichen. Wir sind jetzt hier und wild entschlossen, die beiden nächsten Tage mit dem Vorhandenen zufrieden zu genießen.  Ein ausgedehnter Strandspaziergang zeigte uns, dass die eigentliche Partymeile mit laustarkem Techno doch etwas weiter weg von unserem Hotel entfernt ist, so dass die schlimmsten Befürchtungen, die sich einstellten, als wir die vielen blutjungen Touristen in unserer Anlage sahen, gottseidank gegenstandlos sind. Die Insel bietet ein breites Angebot an Geschäften, Hotels, Bars, Restaurants, allerdings mit europäischen Preisen. In dem Ort fühlt man sich mit den Holzgehstegen und den unbefestigten Straßen wie in einer Wildwest-Stadt. Der Regen der vergangenen Tage hat tiefe Pfützen auf den Straßen hinterlassen, durch die sich die Golfcart-Wagen quälen. Entsprechend sehen die Fahrzeuge auch über und über mit Schlamm bespritzt aus. Da wir alle Facilities für einen angenehmen und erholsamen Aufenthalt vorfinden, hält sich die Enttäuschung in Grenzen.

Unglaublich sind die Sonnenuntergänge, zu denen sich an manchen Stellen Scharen von jungen Partytouristen mit Techno-Sound versammelt haben. Die allenthalben angebotenen Schorchel- und Bootstouren interessieren uns wenig, da wir ja nur kurz auf der Insel verweilen. Am zweiten Tag konnte Thomas schon einen Arzt finden, der ihm einen für die Einreise in die USA erforderlichen Covid-Test anbieten konnte. Katrin lässt sich noch einmal eine Massage gefallen, während ich die Zeit nutze, angeregt von einem wunderschönen Blick aufs Meer, die Tagebücher zu vervollständigen und Fotos für die Website auszusuchen und hochzuladen. Am zweiten Tag ist der Tang am Strand auch verschwunden und das Meer ist so klar wie auf den Werbefotos. Allerdings muss man sehr weit hinauswaten, um endlich im etwas tieferen Wasser zu schwimmen, aber in was für einem warm umschmeichelnden Wasser, eben im Golf von Mexico.

 

Am letzten Abend öffnet ein tropisches Gewitter alle Himmelsschleusen und kräftiger Regen fällt über einige Stunden. Wenn wir an die Staub-,Schlamm-, Pfützenstraßen auf der Insel denken, wird uns etwas mulmig für unseren Transport morgen zum Pier. Als dann gegen 22 Uhr auch noch der Strom ausfällt, wird uns noch einmal die Anfälligkeit unserer Lebensrealität bewusst.

 

Isla Holbox  - Mexico City CDMX  5.11.21

Am Morgen des Freitags hatte sich das Wetter beruhigt. Mit einem letzten Bad am Golf von Mexico nahmen wir Abschied von dem sommerlich warmen Meer. Schade, dass wir es nicht mitnehmen können. Da unsere Flüge erst am Nachmittag veranschlagt waren, ließen wir den Vormittag ruhig angehen. Erst beim Check-out schreckte uns die Tatsache auf, dass die Straßen von Holbox wegen des Regens nur für große Golfcarts passierbar und von denen leider nicht so viele verfügbar waren. Der Tag fing also schon mal gut an. Nach einigem Bangen, ob wir unsere Flüge unter diesen Umständen überhaupt noch schaffen könnten, brachte uns ein geeignetes Gefährt doch noch samt Gepäck zum Pier. Die Straßen waren so überschwemmt, dass manchmal die hellbraune Brühe bis in den Fahrgastraum hochschwabte. Immerhin konnten wir dann noch ein Schnellboot um 11 Uhr 30 erreichen. Mit dem Taxi waren wir dann gegen 14 Uhr am Flughafen. Leider mussten wir uns hier von Thomas trennen. Aber wir sehen uns ja schon am Dienstag in NYC wieder.

Die Kette der Schwierigkeiten sollte nicht abreißen: eine riesige Schlange drängt sich vor den Check-in-Schaltern unserer Fluggesellschaft VivaAerobus (vielleicht vergleichbar mit unseren Eurowings oder RyanAir); endlich am Schalter angekommen, mussten wir für Übergewicht, da nur bis 15 k im Vorhinein buchbar war, noch einmal kräftig nachzahlen. Wer denken mochte, nun haben wir es geschafft, der irrte sich. Inzwischen haben die mexikanischen Behörden auch für Inlandflüge eine Gesundheitserklärung verbindlich gemacht. Folglich ließ man uns nicht in die Abflughalle. Da auch der QR-Code von unseren Handys nicht entschlüsselt werden konnte, benötigte es mehrere Bittanläufe, bis man uns eine Papierform zum Ausfüllen aushändigte, die allerdings so klein gedruckt war, dass man eine Lupe zum Entziffern gebraucht hätte und dann natürlich ausschließlich in Spanisch.

Irgendwie haben wir das hinbekommen, immer mit der leisen Skepsis über die Sinnhaftigkeit einer solchen Erklärung, in die man ja schließlich alles ungeprüft reinschreiben kann. In der Tat hat im weiteren Sicherheitsbereich des Flughafens auch niemand weiter danach gefragt, geschweige denn Kenntnis davon genommen. Seit mehreren Tagen hatten wir mein Schweizer Taschenmesser schon vergeblich gesucht. Nun fand es sich beim Sicherheitscheck in Katrins Handgepäck, peinlich! Keine Ahnung, wie es da hingekommen ist.

 

Höhepunkt des ca. 2 Stunden dauernden Fluges war der Blick auf die Lichter der Megastadt. Von hier oben konnte man erahnen, welche gewaltige Ausdehnung Mexico City für die 21 Mio Einwohner braucht.

 

Die Reihe der frustrierenden Erfahrungen riss aber noch nicht ab: unser Flieger hatte eine Stunde Verspätung (Gottseidank hat das übrige Mexico, außer Quintana Roo, wieder auf „Winterzeit“ umgestellt, so dass wir die Uhr wieder eine Stunde zurückstellen konnten, womit die Hoffnung stieg, vor 22 Uhr noch im Hotel einzutreffen); um ein Taxi in die Innenstadt zu ergattern, mussten wir uns wieder hinten an eine lange Schlange anstellen. Immerhin, nach einer halben Stunde hatten wir unser Taxi. Der Fahrer nutzte auch jede Lücke in den Staus, um zügig ins Zentrum zu gelangen, so dass wir tatsächlich um 21 Uhr 20 am Check-in unseres Hotels standen. Die letzte Geduldsprobe forderte uns dann noch die sybillinische Rechnungsakrobatik des Angestellten ab, der dann auch zweimal nach unserer Kontrolle nachbessern musste.

Kurz bevor das Hotelrestaurant schloss, konnten wir dann noch eine Portion Guacamole mit Tacos und zwei Drinks ordern. Was für ein Tag!!!!

 

 

Mexico City  CDMX  06. - 08. 11. 2021

Museo Nacional de Archeologia und mehr 07.11.2021

Trotz Höhenluft (Mexico City liegt auf 2240 m) und Smog haben wir gut und lange geschlafen. Die Morgenluft ist noch frisch, aber das sonnige Wetter verspricht heute 22°. Unser erstes Ziel nach einem kräftigen Frühstück im Hotel ist das berühmte Museo Nacional de Antropologia. In meiner Erinnerung war dieses Museum vor 47 Jahren, was die eindrucksvolle Architektur und die für damalige Zeit revolutionär neue Präsentation der Exponate überwältigend, so dass dieses Museum für mich als das schönste galt, das ich je gesehen. Inzwischen haben viele andere Museen in den Metropolen auch den altertümlichen Staub der reinen Inventarpräsentation abgeschüttelt und folgen modernen Konzepten der Museumspädagogik. Aber der Zauber dieses Museums hat auch heute nichts von seiner damaligen Wirkung eingebüßt, auch Katrin ist hingerissen. Im Zentrum des weiträumigen Patios befindet sich eine beeindruckende Stahlbeton-Aluminium Konstruktion (Regenschirm) von 54 mal 82 Metern und einer Höhe von 16,80 Metern. Sie soll den Lebensbaum symbolisieren, dessen Stamm von einem Wasservorhang umspült wird. Im Erdgeschoss präsentieren die Säle die einzelnen regional zusammengestellten präkolumbianischen Kulturen des alten Mexiko. Wir haben uns entschlossen ausführlicher die Säle der Teotihuacan- und Aztekenkultur uns anzusehen, weil wir die Originalschauplätze noch besuchen wollen. Die Fülle der ausgezeichneten Exponate verbietet es, sich in näheren Einzelheiten zu verlieren. Zusammenfassend machen wir eine interessante Entdeckung, dass die mythologischen Themen, die Götterwelt und auch die künstlerischen Formate sich über die Jahrtausende kaum verändert haben. Die Fülle der präsentierten Exponate zwingt zur Konzentration, so dass wir uns auf die Kulturen beschränken, mit denen wir im Großraum Mexico Stadt in Berührung kommen: die Teotihuacan-Kultur und die Azteken. Damit lernen wir die Anfänge der großen präkolumbianischen Zivilisationen in Zentralmexiko und die Endphase vor der spanischen Eroberung kennen. Die Einzelheiten alle aufzuführen, würde einer Sisyphusarbeit gleichen, deshalb ein Resümee und ein paar Highlights: Die künstlerisch-handwerkliche Qualität der Stücke sind eindrucksvoll, auch die Liebe zum Detail und die Fülle der Themen, die sich nicht nur auf die Mythen und religiöse Inhalte beschränken, sondern weit mehr das Alltagsleben abbilden. Bei den Teotihuacanos begeistern der Nachbau des Quetzalcoatl-Tempels, die vielen ausdrucksvollen Keramikfiguren und die Monumentalplastik der Wassergöttin Chaltlihutlicue. Bei den Azteken, die sich selber Mexica nannten, erkennt man aus der Monumentalität der Exponate den imperialen Charakter ihrer Zivilisation; besonders eindrucksvoll der Kalenderstein.

Obwohl wir schon übersättigt sind von den unglaublich vielseitigen Eindrücken, können wir nicht umhin, auch noch der Mayaabteilung wenigstens einen kurzen Besuch abzustatten. Gelohnt hat sich hier vor allem der Nachbau des Grabes von dem berühmten Mayakönig Pacal aus Palenque.

Eigentlich wollten wir gerne auch noch ein wenig im Chapultepec-Park spazieren gehen, aber Katrin kann kaum mehr laufen, so dass wir uns just am Parkeingang mit einer Vorführung der „fliegenden Menschen“ begnügen, was aber eindrucksvoll genug ist.

Auf der Heimfahrt mit einem Taxi werden wir zum ersten Mal in Mexico richtig über den Backen balbiert: obwohl wir ausdrücklich ein für Museumsbesucher autorisiertes Taxi genommen haben und ich auf dem Taxameter die Startgebühr von 5 Pesos als verlässlich wahrgenommen habe, summierte sich dann auf der Heimfahrt die Summe plötzlich auf die unglaubliche 500 Pesos, da der Taxifahrer auch noch bewusst den Stau auf dem Paseo de la Reforma ausnutzte. Leider konnten wir ihm nicht nachweisen, dass er den Taxameter manipuliert hatte. Auch vor der Polizei hätten wir schlechte Karten. Also sind wir zähneknirschend und übel gelaunt am Alameda Park ausgestiegen und hatten kaum ein Auge und Ohr für das brausende Leben am Samstagnachmittag im Park. Erst gegen Abend haben wir uns noch einmal aufgemacht, um auf die Besucherplattform des Torre Latinoamericano zu kommen. Leider hatten noch viele andere (Einheimische) - wir waren die einzigen Ausländer, und ich mal wieder der mit Abstand älteste - dieselbe Idee. Vor dem Eingang, vor jedem Fahrstuhl lange Schlangen und frustrierendes Stehen. Der Ausblick auf das inzwischen nächtlich erleuchtete Mexico City war überwältigend, aber hart erkauft. Von hier oben gewinnt man noch einmal einen Eindruck von der fast unendlich bis zum Horizont gedehnten Häusermasse dieser Megacity.

 

Teotihuacan 7. 11. 2021

Für heute hatte ich eine Kurzexkursion nach Teotihuacan gebucht, die schon um 8 Uhr starten, deshalb war ein Frühstück im Preis inbegriffen, und wir bereits um 14 Uhr wieder im Hotel zurückgekehrt sein sollten, weil wir um 16 Uhr den Gesundheitsdienst für einen Covidtest bestellt hatten, der für die Einreise in die USA notwendig ist. Tatsächlich wurden wir von einem Fahrer im Hotel mit Pkw abgeholt; zu uns stieg noch eine Mitreisende aus Argentinien. Die Strecke nach Nordosten demonstrierte uns noch einmal, wie weit sich die Megastadt krakenhaft in die Landschaft gefressen hat. Die Slumviertel, die unser Fahrer „Favelas“ nannte, die aber gar nicht so heruntergekommen aussahen, haben sich bis fast an das Pyramidenareal von Teotihuacan herangedrängt. Bei diesem Anblick erschien uns in Gedanken Mexico Stadt als eine urbane Endkatastrophe, wenn wir nur an den Flächenverbrauch, an die Müllberge und die Ressourcenverschwendung dachten. Gottseidank tauchte dann bald das archäologische Areal von Teotihuacan auf, in das unser Fahrer wacker steuerte. Die knurrenden Mägen und die Sehnsucht nach einem aufmunternden Kaffee erinnerten uns daran, dass in unsrem Exkursionspreis ja eigentlich ein Frühstück inbegriffen war, das der Fahrer wohl übersehen hatte. Erst das Gespräch mit unserer argentinischen Mitreisenden Gladys offenbarte, dass die Agentur zwei eigentlich inkompatible Exkursionsangebote kombiniert hatte: Gladys hatte kein Frühstück gebucht, dafür aber ein umfangreiches Nachmittagsprogramm bis 17 Uhr. Die eindrucksvolle Sakralstraße mit unzähligen Gebäuden und die alles überragende „Sonnenpyramide“ (die Bezeichnungen sind allesamt fiktive Namen der Entdecker, da die tatsächliche Funktion der Gebäude bis heute nicht geklärt werden konnte, wischten zunächst die Ungereimtheiten weg. Die Sonnenpyramide mit einem fast gleichen Grundriss wie die Cheopspyramide von Gizeh, dafür aber nur mit halber Höhe, beeindruckte Katrin weit mehr als das ägyptische Pendant. Denn sie ist nicht nur besser erhalten, sondern mit ihren verschiedenen Stufen und Absätzen und der monumentalen Mitteltreppe weitaus ästhetischer gegliedert. Um die ganze Dimension dieses Bauwerks zu erfassen, haben wir die umrundet und von allen Seiten die Modellierung der steilen Wände durch das Licht bewundert. Leider kann man nicht mehr wie ich vor 47 Jahren auf die Bauwerke steigen, um von oben einen Gesamteindruck der umfangreichen und ausgedehnten Anlage zu erfassen. Kurz vor der „Mondpyramide“ erstiegen wir eine kleine Plattform, die offenbar zu einem sakralen Wohnbereich gehört, den man wegen des gefiederten Schlangenkopfes am Sockel Quetzalpopotl genannt hat. Von hier konnte man einen bescheidenen, aber immer noch überwältigenden Eindruck von der Weitläufigkeit der ganzen Anlage gewinnen. Ähnlich wie vor 47 Jahren war ich auch diesmal von der Großartigkeit Teotihuacans erfüllt und fühlte mich in meiner Auffassung bestätigt, dass dieser Sakralbezirk zu den ganz großen Menschheitsdenkmälern zu rechnen ist.

Nachdem uns der Fahrer bei Eingang 4 wieder aufgepickt hat, versuchten wir ihm die vertrackte Situation unser Exkursionsbuchungen zu erläutern. Mit mexikanischer Gelassenheit widmete er das Frühstück in ein frühes Mittagsmahl um und bestellte einen anderen Fahrer, der uns bei der Basilica von Guadeloupe übernehmen sollte. Das Mittagsmahl nahmen wir in einem Restaurant der Kette „Catrina“ ein. Witzigerweise konnte sich Katrin nun sowohl mit dem Restaurantname als auch der populären dia de los muertos-Figur Catrina in Beziehung setzen. Unvermeidlicher Weise wurden wir dann auch noch in einen Schmuck und Kunsthandwerkladen gelockt. Die anfänglich interessante Vorführung der verschiedenen Nutzung der mexikanischen Agave als Tequila-Rohstoff, als Seife und auch als Schreibmaterial konnte nicht hinwegtäuschen, dass der unvermeidliche Spießrutenlauf durch die Auslagen des Geschäftes bevorstand. Wir hätten sogar ein Stück erworben, wenn sie einen Silberanhänger der Wassergöttin Chaltchiutlicue gehabt hätten.

Tatsächlich erwartete uns an der Basilika von Guadeloupe der andere Fahrer. Obwohl diese Basilika als die wichtigste religiöse Stätte Mexicos gilt, war es wichtiger, pünktlich im Hotel zu sein und den Antigentest machen zu lassen. Um 16 Uhr erschien Malu vom Gesundheitsdienst und hat uns tief in den Rachen und in die Nasenschleimhäute das Probestäbchen geschoben. Und dann erschienen nun auch Annett und Michael, unsere jugendlichen Weltreisenden im Hotel. Wie schön, dass wir uns in Mexico Stadt getroffen haben. Der Abend verflog bei den vielen Erzählungen und Reiseberichten unbemerkt und wie im Nu.

 

CDMX  8. 11. 2021

Nach einem ausgedehnten gemeinsamen Frühstück im Hotel wollen wir zusammen mit Annett und Michael den Zocalo, den absoluten Mittelpunkt von Mexico Stadt, erkunden. An der Nordecke stoßen wir auf die Reste des aztekischen Templo Mayor, der in den 70iger Jahren von dem Archäologen José Alvaro Barrera ausgegraben wurde. Kaum zu glauben, dass von den 78 in der Überlieferung genannten Tempel erst 40 von den Archäologen unter den Häusern und Straßen registriert werden konnten. Die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan soll bei Ankunft der Spanier ca. 100.000 Einwohner gehabt haben. Sie wurde von Hernan Cortez als die schönste Stadt gerühmt, die er je gesehen habe, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, die Stadt 1521 dem Erdboden gleich zu machen. In der neueren Forschung wird der schier unglaubliche Sieg der zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Spanier inzwischen als geschickte Bündnispolitik von Cortez gegen den bei vielen der indigenen Völker verhassten Imperialismus der Azteken gedeutet. Dass damit praktisch eine Mitschuld der Ureinwohner an ihrem eigenen Untergang eingestanden werden muss, machte die These bis heute eben nicht populär in Mexico. Die gewaltige Kathedrale gehört zu den größten Kirchenbauten des ganzen amerikanischen Kontinents und zeigt wegen ihrer langen Bauzeit viele Stile von der Renaissance bis zum üppigen barocken plateresken Portalschmuck. Der geschnitzte Chor erhebt sich mit zwei riesigen Orgelpositiven gewaltig in die Höhe, das Chorgestühl ist überreich mit Figuren geschnitzt. Aber wir suchen nach einem anderen berühmten Accessoire, dem Foucaultschen Pendel, das hier von der Kuppel über 30 Meter knapp über dem Kathedralbogen hängt.

Leider ist wegen Covid die Plaza de tres culturas geschlossen und auch die berühmten Wandbilder von Diego Rivera können wir in den Innenarkaden des Präsidentenpalastes nicht anschauen. Katrin strebt schon früher ins Hotel und schickt sich an, die Koffer für den Flug nach NYC morgen zu packen, während ich mit Annett und Michael noch ein bisschen durch die Fußgängerzone vom centro historico schlendern. Dabei entdecken wir wunderschöne koloniale Gebäude, eines davon mit wundervollen Azulejos (bunten Kacheln) geschmückt. In dem Franziskanerkloster entdecken wir zu unserer großen Überraschung in einer Seitenkapelle ein geradezu groteskes Arrangement von vielen verkleideten Gerippen, die eine Beerdigung darstellen. Selbst der Pfarrer und der Bischof sind Gerippe und die ganze Szene wird von dia de los muertos Girlanden überspannt. Das hat selbst Annett und Michael, die in Sachen „dia de los muertos“ sehr erfahren sind und viel erlebt haben, überrascht.

Beim gemeinsamen Abendessen nehmen wir tränenreich Abschied, denn müssen morgen schon sehr früh zum Flughafen Benito Juarez, während die beiden Weltenbummler ihre zweite Méxicoreise mit dem Besuch von Cuernavaca und Puebla fortsetzen.

 

CDMX  - NYC  9. 11. 2021

Eine unangenehme Vorahnung hatte mir schon früh den Schlaf geraubt, lange bevor wir um 4 Uhr 30 vom Wecker wachgerüttelt worden sind, die sich aber leider schon bald bestätigen sollte. Mit weiser Voraussicht früh um 6 Uhr mit dem Taxi gestartet, um möglichst vor 7 Uhr am Flughafen zu sein, wird unser Taxi 200 m vor dem Terminal in einen Unfall verwickelt, von links fährt ihm ein anderer Pkw voll rein. Der Aufforderung, die letzten 200 m durch Dunkelheit und Smog mit den schweren Koffern auf gefährlich viel befahrener Straße zu laufen, setzten wir uns heftig zur Wehr, bis uns die Polizei ein anderes Taxi anhält. Zu allem Überfluss wollte uns dieser Taxifahrer auch noch kräftig übers Ohr hauen, was wir, inzwischen wachsam genug, nicht mit uns machen ließen.

Und nun begann eine schier unglaublich chaotische Odyssee. Zunächst mussten wir uns zu den Check-In-Schaltern von AeroMexico nach den USA durchfragen. Hier wurden umständlich, aber sehr sorgfältig alle Auflagen der USA für eine Einreise mit dem Flieger mehrfach überprüft und die riesige Schlange der Reisewilligen auch sinnvoll organisiert. Nach alldem Aufwand bis zur Aufgabe des Gepäcks und der Aushändigung der Bordkarten hatten wir die trügerische Hoffnung, das Schlimmste überstanden zu haben. Für unseren Flug wurde gelegentlich auf den Tafeln die Abflughalle K angezeigt, keinesfalls ein Gate. Je näher der Zeitpunkt für das Boarding rückte, wurden wir unruhig, weil immer noch kein Gate angezeigt wurde. In der Halle K musste ich erst einmal Schlange stehen, bis ich an dem Informationsschalter erfuhr, dass unser Flug für die Abflughalle A gemeldet sei, das war immerhin fast 1 km von hier entfernt und nur noch 15 Min bis zu unserer Abflugzeit. Nur an meinem hellen Hut konnte Katrin mir durch die Menschenmassen in dem angezeigten Tempo folgen. Und auf den Tafeln stand immer noch die Halle K für unseren Flug nach JFK.

In der Halle A wusste man zunächst von unserem Flug, gottseidank, und wir erfuhren, dass er erhebliche Verspätung haben würde wegen des Smogs am Morgen. Bald wechselten die Angaben von A auf B und auch dort tat sich lange nichts an den Gates. Mir kam schon langsam der Verdacht, dass unser Flug vielleicht sogar gecancelt worden sei. Immerhin mit   2 ½ Stunden Verspätung startete unser Flieger dann tatsächlich nach JFK, das wir erst bei Dunkelheit erreichten. Als das Taxi uns in der Upper Westside absetzte und wir in die Arme von Diana und Thomas sanken, war der Albtraum endlich verflogen und wir fühlten uns wie in Abrahams Schoß.

 

Ein paar abschließende Gedankensplitter zu Mexico

Natürlich hat sich Mexico verändert, seit ich dieses Land zum letzten Mal vor 47 Jahren besucht habe. Vor allem der Massentourismus hat auch hier seine irreversiblen Schleifspuren hinterlassen: keine Bauwerke der präkolumbianischen Zivilisationen dürfen mehr bestiegen werden, was den Eindruck dieser Anlagen natürlich deutlich schmälert. Besucherheere treffen auf Händlerkolonnen, so dass Chichen Itza nur noch am frühen Morgen so erlebt werden kann, wie es dem Charakter der Anlage eigentlich entspräche. Deshalb hat uns das weniger überlaufene Uxmal auch viel besser gefallen. Die beiden Urlaubsinseln Mujeres und Holbox an der Nord-Ost-Küste von Yucatan leiden zwar nicht ganz so unter ungehemmten Massentourismus wie die Küste direkt bei Cancun, aber haben nur wenig mit dem Mexico zu tun, das wir dann in Merida und Mexico City erlebt haben. Auch wenn die Behausungen der Menschen in den ländlichen Gegenden und in den Vorstädten einfach und ärmlich erscheinen, so haben wir gleichwohl keine so schreckliche Armut gesehen wie noch in den Siebzigern, insofern hinterlässt das aktuelle Mexico auch einen erkennbar wohlhabenderen Eindruck, wenn auch in einem bescheidenen Maßstab, als vor 47 Jahren. Obdachlose und Bettler haben wir weit häufiger in NYC und Washington DC angetroffen als in Mexico City. Die Menschen, mit denen wir es zu tun bekommen haben, waren freundlich zugewandt und, außer zwei Taxifahrern, auch redlich. Wo man handeln konnte, haben die Händler auch sogleich mit zwinkerndem Auge eingelenkt. Alles in allem haben wir uns sehr wohl und sicher gefühlt.

 

Interessant fanden wir das Verhalten der Mexikaner in der gegenwärtigen Pandemie: es ist ganz selbstverständlich, dass alle eine Maske tragen, die meisten auch auf den Straßen, dass nur Geimpfte und Genesene in Restaurants und Sehenswürdigkeiten eingelassen werden. Ohne die Aufgeregtheit und ohne das Besserwissertum, wie wir es zu Hause immer erlebt haben, fügen sich die Menschen in das Notwendige. Als Ergebnis müssen wir anerkennen, dass Mexico bei einer nahezu vergleichbaren Impfquote eine weitaus geringere 7-Tages-Inzidenz mit 11.7 (Stand 17.11.21) als die Bundesrepublik mit fast 320 (Stand 17.11.21) zu verzeichnen hat. Das widerspricht den vielen Vorurteilen, die wir immer wieder hören über die Unaufgeklärtheit und mangelnde Solidarität in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir würden gerne die öffentlichen und privaten Verhaltensweisen der Mexikaner auf die bundesrepublikanische Gesellschaft übertragen.