Private Fernreisen
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Erlebnisse in den USA            9.11. - 9.12. 2021

New York City    9. – 13. 11. 2021

10.11. WTC, Battary Park, Liberty und Ellis Island

Wir sind  - wie schon 2018 -  so glücklich, dass uns Diana und Thomas in ihrer Wohnung in Upper West Manhattan aufnehmen können. Es ist so nah zur Metrostation an der 72. Straße oder zum Central Park, einfach genial.  Nach unserem ersten eindrucksvollen Besuch vor drei Jahren wollen wir unsere NYC-Erfahrungen vertiefen und ergänzen, aber auch andere Schwerpunkte setzen.  Damals war der Besuch von Ellis und Liberty Island nicht möglich. Das wollen wir diesmal nachholen. Auf dem Weg mit der Metro zum Battary Park möchte Katrin noch einmal zum Memorial 9.11. am World Trade Center. Es ist eine der beeindruckendsten Gedenkstätten, die wir je gesehen haben, es erinnert an die 2977 Todesopfer der Terroranschläge am 11. September 2001 und der sechs Opfer des Bombenanschlags von 1993 auf das World Trade Center.  Die monumentale Schlichtheit der beiden Pools, deren Einfassung die vielen Namen der Opfer tragen, bewegt uns auch diesmal tief. Die in den Grundrissen der beiden Tower eingepassten quadratischen Wasserfälle verfehlen auch diesmal ihre eindrucksvolle Wirkung nicht. Im Hintergrund springt "The Oculus“ ins Auge. Von dem spanischen Architekten Santiago Calatrava entworfen, wurde mit rund 7 Jahren Verspätung und mit einer gewaltigen Kostenexplosion bis zu 4 Milliarden Dollar der wohl teuerste Bahnhof auf der Welt am Ground Zero im März 2016 eröffnet. Die Außenanlagen sollen vielleicht einen Phönix aus der Asche zeigen. Das würde zu New York und seiner nicht einzuschüchternden Vitalität passen. Die riesigen Hallen sind mit edlen Geschäften bestückt, Wände und Böden mit edelstem Carrara-Marmor verblendet. Was für ein Bahnhof!!!! Katrin ist wieder ganz hingerissen.

Mit einem der alle halbe Stunde verkehrenden Ausflugschiffe gelangten wir zum Liberty Island. Schon die Fahrt offenbarte unglaubliche Blicke auf Süd-Manhattan, auf die Hochhäuser von New Jersey und Brooklyn. Der Freiheitsstatue, der wohl berühmtesten Ikone des amerikanischen Traums, so nahe zu sein und das klassische Foto mit ihr im Vordergrund und der Skyline von Manhattan im Hintergrund garantieren ein unvergessliches Erlebnis. Das angeschlossene Museum informierte uns über die Geschichte, die wir zum größten Teil kennen, da der Bildhauer und Konstrukteur Bartholdi in unserem nahen Colmar geboren ist. Immerhin hat er 10 Jahre an der 46 m hohen Lady “Liberty Enlightening the World“ gearbeitet, bevor sie als Geschenk Frankreichs nach USA geschafft und 1886 enthüllt worden ist. Das nächste Ausflugsboot brachte uns zu dem nahen Ellis Island, das von 1892 bis 1954 für mehr als 12 Millionen Immigranten Durchgangslager auf Ihrem Weg in die Neue Welt war. Die eindrucksvolle Ausstellung in den großen Hallen und angrenzenden Räumen zeigen sehr kritisch die z.T. demütigenden Prozeduren, die die Neuankömmlinge durchlaufen mussten, bevor sie in die erträumte Freiheit und den Kampf um den erhofften Wohlstand eingelassen wurden.

Just zur Zeit des Sonnenuntergangs genießen wir den Blick von der Fähre auf Manhattan im rotglühenden Spätlicht, welch ein Schauspiel, und das bei herrlich klarem und warmem Wetter!!!

 

11.11. Hudson Yards, High Line, Chelsea, Meatpacking Dictrict, Times Square

Auf den Rat von Thomas erkunden Katrin und ich heute auf eigene Faust das erst vor Kurzem neu mit unglaublichen Wolkenkratzern gestaltete Viertel „Hudson Yards“. Wir können uns nicht erinnern, dass wir vor drei Jahren diese wie Kristallsplitter in die Höhe geschossenen Gebäude wahrgenommen haben. In dem Hochhaus 33 Hudson Yard lockt eine Aussichtsterrasse im 101. Stockwerk die Besucher. Da Katrin leider ihr Handy vergessen hat und damit nicht den geforderten Impfnachweis liefern kann, mache ich mich alleine auf die höchste Aussichtsplattform in der westlichen Hemisphäre. Wie ein gläsernes Dreieck ragt der luftige Aussichtsbalkon „The Edge“ aus dem Wolkenkratzer. Wer nicht ganz schwindelfrei ist, dem schwinden schon an den gläsernen hohen Wänden die Sinne, vor allem traut er sich wohl nicht über den gläsernen Boden im Inneren des Dreiecks zu gehen, wo er unter seinen Füßen nur noch Luft und die winzigen Autos weit unten in den Straßenschluchten erblickt. Deshalb hat Katrin sich nur mäßig geärgert, von dieser Attraktion ausgeschlossen zu sein. Der Blick über Manhattan verschlägt mir die Sprache. Im Osten erheben sich die Wolkenkratzer von Midtown (neben dem Empire State ragt neu das One Vanderbilt in den Himmel, für dessen Aussichtsetage uns Diana für morgen Karten besorgt hat), im Süden von Lower Manhattan, gerade noch erkennbar im mittäglichen Gegenlicht Liberty und Ellis Island. Weit reicht der Blick über den Hudson nach New Jersey und im Osten nach Brooklyn. Zwischen den Hudson Yards und den Hochhäusern von Midtown verdichtet sich die Häusermasse des mittelhohen Manhattans mit den Wasserbehältern auf den Dachebenen und ganz winzig die Autos im Straßengewirr. Architektonischer Höhepunkt der Hudson Yards ist das seltsame Kunstbauwerk „The Vessel“, das wie ein Labyrinth von Treppenebenen wirkt. Leider haben schon kurz nach Eröffnung Lebensmüde das Bauwerk für Selbstmorde missbraucht, so dass man es nicht mehr begehen kann, leider.

 

Von der 34. Straße laufen wir nach Süden und finden in Chelsea das Hawthorne Restaurant, das atmosphärisch sehr an ein englisches Pub erinnert. Auch das Angebot an Draught Bier passt zu dem ganzen Ambiente, nur der Hawthorne Burger ist dann eher Manhattan. Die High Line auf der stillgelegten Eisenbahntrasse hat uns vor drei Jahren schon sehr begeistert, jetzt entdecken wir noch viele neue Details und auch neue Häuser. An der 14. Straße verlassen wir die High Line, uns lockt eine ganz neue künstliche Insel im Hudson an Pier 55 in Höhe des Meatpacking Districts. Das neue Highlight und Kuriosum ruht auf 262 Betonsäulen, die aussehen wie High Heels, trägt ein kleines Openair-Theater, Hügel mit seltenen Pflanzen und Aussichtsplätzen, wurde erbaut von dem englischen Designer Thomas Heatherwick, der auch „The Vessel“ entworfen hat. Der Blick auf den Hudson und hinüber zum Whitney Museum of Modern Art ist fantastisch.

 

Die 14. Straße nach Osten führt uns zur Metro und diese bringt uns dann zum Times Square. Der Einbruch der Dämmerung ist genau der richtige Zeitpunkt, diesem Weltwunder von gleißender Werbung einen Besuch abzustatten. Die Menschenmassen, der tosende Verkehr und die riesigen flimmernden Werbeflächen an den Hochhäusern verfehlen auch diesmal ihre Wirkung nicht. Hier finden wir auch endlich ein Geschäft mit NYC-Artikeln, die sich als Geschenke für die Enkelkinder eignen.

 

12.11. Midtown, One Vanderbilt, Central Park, Metropolitan Museum of Art

Leider haben wir für den Besuch der Aussichtsstockwerke des brandneuen Hochhauses One Vandelbilt den falschen Tag gewählt: ausgerechnet heute Morgen regnet es in Strömen und dichter Nebel hüllt die Hochhausspitze ein. Das Bedauern und die Frustration, keinen Blick auf das Häusermeer Manhattans zu erhaschen, werden auch nicht von den Spiegelspielchen, die einem vorgaukeln, sich im Unendlichen zu verlieren, wesentlich gemildert. Auch wenn die Spiegelillusion vortäuscht, man würde in der Luft schweben, hält sich mein Entzücken doch sehr in Grenzen. Gottseidank reißen die dicken Nebelschwaden gelegentlich für Augenblicke auf und geben einen unglaublichen Blick auf die Stadt frei. Dennoch kein Vergleich mit der Aussichtsplattform „The Edge“ gestern, schade! (Eintrittspreise zum Vergleich: "The Edge"= 39$ und Vandelbilt One = 68 $)

Die grandiose Halle des nahen Grand Central verfehlt auch dieses Mal, ähnlich wie vor drei Jahren, nicht ihre Wirkung auf uns. Wir können nicht verstehen, dass dieser großartige Bahnhof abgerissen werden und Geschäftshäusern weichen sollte. Katrins Erinnerung, hier einen schönen alten Postkasten für unsere Postkarten in die Heimat zu finden, wurde nicht enttäuscht. Da es draußen immer noch regnet, freuen wir uns, dem nassen Wetter in das gemütliche Restaurant „Pershing“ zu entkommen. Die Atmosphäre eines traditionellen New Yorker Restaurants lädt zu einem kleinen Lunch geradezu ein. So verbringen wir angenehm die Zeit, bis sich das Wetter deutlich verbessert, sogar die Sonne wieder hervorbricht, um dann noch ein wenig zu Fuß Midtown zu erleben. Der Spaziergang verbindet auch Angenehmes mit Nützlichem: wir finden ein Shop der für Katrins Handy eine amerikanische Simcard mit einem preiswerten Monatstarif anbietet. Der Weg führt uns auch am New Yorker Macys, dem größten Kaufhaus der Welt vorbei. Da sich Katrins Fersensporn langsam unangenehm bemerkbar macht, nehmen wir am Times Square die Metro in die 72th Straße, wo sie sich „zu Hause“ ausruhen kann, während Thomas und ich den Central Park durchqueren, um auf der Eastside das Metropolitan Museum of Art zu besuchen. Ich bin sehr gespannt, was dieses Museum, das zu den bedeutendsten seiner Art gezählt wird, zu bieten hat. Ich wende mich der älteren europäischen Malerei zu, während Thomas sich der modernen Kunst widmen will. Zunächst bin ich von den Beständen an älterer europäischer Malerei doch etwas enttäuscht: wenig italienische Renaissance, einige jedoch unbedeutende Holbein und Cranach. Die Malerei des 17. Und 18. Jhdts  ist deutlich besser vertreten, einige Rubens, mehrere bekannte Velazques  und Goyas, dennoch keine so bedeutende Sammlung, die den Ruf dieses Museums gegenüber vergleichbaren Museen in Europa rechtfertigen würde. Die labyrinthische Anordnung der Themen-Säle hatte mir den Blick auf andere Säle mit Werken bestimmter Sammler verstellt. Plötzlich stehe ich in einem Raum voller erstklassiger El Grecos und bin begeistert. Und so entdecke ich doch noch einige hervorragende Werke, die alllerdings nicht thematisch oder zeitlich geordnet sind, so dass man nach einem Rembrandt dann plötzlich neben Manet und Degas steht. In Summa hat mich trotz einiger wirklich bedeutender Werke die Präsentation nicht überzeugt. Ich hätte wohl auch mit einem gewissen Gefühl der Enttäuschung das Met verlassen, hätte ich nicht noch einen Blick in die Abteilung „griechische und römische Antike“ geworfen. Hier ist die Fülle und die Qualität der Exponate doch überraschend, so dass man eine strenge Auswahl treffen musste, um die schönsten Stücke angemessen zu würdigen. Thomas ist mit seinen Erlebnissen in der modernen Malerei-Abteilung sehr zufrieden, so dass wir dann letztendlich beide erfüllt von dem Besuch in dem Met den Heimweg durch den dunklen Central Park antreten. In der Columbus Ecke 73nd Straßen treffen wir Katie in ihrem Schmuckgeschäft und können uns wenigstens mal umarmen.

13.11. Central Park, Penn Station, Bahnfahrt nach Washington DC

Da unser Zug erst am Nachmittag nach Washington DC fährt, nutzen Katrin und ich den sonnig-kühlen Morgen, um uns im Central Park von New York zu verabschieden. An diesem Samstag sind viele Jogger im Park unterwegs. Die Herbstfärbung der Blätter und die Wolkenkratzer, die sich im Wasser der kleinen Seen spiegeln, verleihen der ganzen Szenerie einen Zauber, der uns den Abschied von dieser außergewöhnlichen Stadt noch einmal schwerer macht.

Wegen unserer schweren Koffer fahren wir mit dem Taxi zur Penn Station, wo wir uns dann mit Diana und Thomas in der Moynihan Hall treffen. Es ist ungewöhnlich, dass die Angabe, von welchem Gleis die Züge fahren, erst kurz vor der Abfahrt erfolgt. So stehen die Reisenden auf der Lauer, um sich dann auf die entsprechenden Rolltreppen zu stürzen. Der Sinn für diese seltsame Zurückhaltung der Information erschließt sich uns nicht. Die alten Waggons der Amtrak-Linie sind sehr geräumig und bieten große Beinfreiheit. Dennoch nehme ich gerne die Enge der deutschen Bahnwaggons in Kauf, da die Züge hier nur im gemütlichen Tempo durch die Gegend schaukeln und noch mehr Verspätung haben als selbst die deutsche Bahn. So erreichen wir dann Washington DC mit deutlicher Verspätung. Nach dem Einchecken im Hilton Garden Inn haben wir noch Zeit für einen Dämmerschluck, denn das mit großer Mühe vorreservierte griechische Lokal „Mazi“, das mit moderner amerikanischer Küche wirbt, in der Tat aber eher traditionelle europäische bietet, hat erst um 21 Uhr 15 einen Tisch für uns. Dennoch sind wir mit den Speisen und Getränken zufrieden. Ich kann sogar mit einigen neugriechischen Sätzen bei der Bedienung brillieren.

 

14.11. Washington DC: National Gallery of Art, Chinatown, White House, FDR Memorial

Ein kühler, aber sonniger Sonntagmorgen empfängt uns in der Hauptstadt der USA. Die Straßen sind ungewöhnlich leer. Deshalb wirken die repräsentativen Gebäude umso unwirklicher. Es fällt auf, dass es in dieser Stadt keine Hochhäuser gibt; dafür entfalten die Gebäude ihre eindrückliche Größe in die Breite. Leider sind viele Museen und Attraktionen wegen Covid geschlossen; das für uns so interessante Newseum, dessen Themen wir uns gerne noch einmal vertiefend gewidmet hätten, sogar dauerhaft, so dass wir uns für den Besuch der National Gallery of Art entscheiden. Keine schlechte Wahl, vor allem die Sammlungen der klassischen Moderne im East Building sind allein den Besuch wert, zumal er wie bei allen staatlichen Museen in DC kostenlos ist.  Schon die Architektur, der kühne unterirdische Durchgang zwischen West- und East-Building, sind eindrucksvoll. Und was die Gallery an klassischer Moderne zeigt, ist großartig: die Franzosen vom frühen Picasso über Leger, Matisse, Braque; aber auch die Russen mit Kandinsky, Chagall, Jawlensky und die deutschen Brücke-Maler und Künstler des Blauen Reiters sind mit ausgezeichneten Werken vertreten. Besonders haben uns die spindeldürren Figuren von Giacometti gefallen. Natürlich fehlen auch nicht amerikanische Pop-Art Künstler oder Jackson Pollock, um nur einige zu nennen.

Thomas interessiert sich noch für die Sonderausstellung „Women behind the Camera“, während Katrin und ich langsam nach Chinatown schlendern. Wie gut, dass Diana in dem ausgewählten Restaurant chinesisch mit der Bedienung spricht, so dass wir nicht die übliche amerikanisch abgemilderte Küche, sondern echte chinesische Speisen genießen können.

Ein Besuch des Weißen Hauses, das nur ein paar Blocks von unserem Hotel entfernt ist, wird nicht ausgelassen. Die aufgezogene Flagge zeigt an, dass Biden offenbar „zu Hause“ ist. Dennoch bekommt er sicher nichts mit von der lautstarken Demonstration, die auf die Unterdrückung der Uiguren aufmerksam machen und den Präsidenten zu einer härteren Haltung gegenüber der chinesischen Regierung anregen will.

Thomas, Diana und ich machen uns bei Dämmerlicht auf den Weg zur Landzunge jenseits des Tidal Basin, um das Memorial für Franklin D. Roosevelt zu besuchen. Der Weg ist nicht einfach zu finden, aber er führt uns auch an der neuen großartigen Gedenkstätte für Martin Luther King vorbei. Ähnlich wie die berühmten Gefangenen von Michelangelo sich aus dem weißen Marmor hervorquälen, so entsteigt eindrucksvoll ein charismatischer M.L. King dem weißen Felsblock. Als wir am F.D.R.- Memorial ankommen, lässt das Restlicht nur noch fragmentarisch die vielen Einzelheiten erkennen. Wir können berühmte Aussagen in die Mauern gemeißelt entziffern und stellen uns neben die Bronzefigur Roosevelts in seinem Rollstuhl. Den Rest schuckt die Dunkelheit. Dabei haben wir auf Anraten des Reiseführers den Einbruch der Dunkelheit gewählt, weil das Memorial eindrucksvoll beleuchtet würde. In dem kleinen angeschlossenen Museum erfahren wir, dass man vergessen hat, auf die Winterzeit umzuschalten und die Beleuchtung sich deshalb eine Stunde später einschaltet. So lange wollen wir in der Kälte und dem langsam sich einstellenden Nieselregen nicht warten. Das kleine Museum verdeutlicht uns in einigen Dokumenten, die Bedeutung dieses Präsidenten, vor allem im Kampf um die Arbeitslosigkeit in den frühen Dreißigern des 20. Jhdts.

Den Abend beschließen wir mit einem opulenten Mahl in dem stimmungsvollen Restaurant „Old Ebbit Grill“, das Thomas erst für den zweiten DC-Abend reservieren konnte. Die Atmosphäre, die nette Bedienung, das gute Essen machten den Abend zu einem nachhaltigen Erlebnis.

 

15.11. Washington DC – Harpers Ferry WV

Da unser Zug erst am Nachmittag von Union Station fahren wird, können wir gemütlich den Vormittag verbummeln oder wie Thomas den Besuch der Fotoausstellung in der National Gallery fortsetzen. Im Hotel verfolgen wir das Plädoyer der Staatsanwaltschaft gegen Kyle Rittenhouse, dessen Prozess die amerikanische Nation spaltet. Die einen halten den 18jährigen, der 2020 in einem kleinen Ort in Wisconsin bei einer Demonstration 2 Menschen erschossen und einen schwer verletzt hat, für einen Mörder, die anderen für einen Helden. Daran erkennt man, wie tief der Riss durch die amerikanische Gesellschaft geht, nicht erst seit Trump.

Um 17 Uhr holt uns Wayne vom Bahnhof in Harpers Ferry ab und Susie erwartet uns in dem wunderschönen Landhaus auf den Bolivar Heights mit einem köstlichen Dinner. Wie schön, dass wir uns endlich wiedersehen, nachdem die Pandemie bisher alle Pläne für ein Zusammentreffen zunichte gemacht hat!!! Umso herzlicher war der Empfang. Da wir uns viel zu erzählen hatten, verflogen die Stunden unbemerkt.

 

16.11. Harpers Ferry WV

Am späten Vormittag hatte sich Diana mit einer Freundin aus DC verabredet, während Susie, Thomas und ich in Harpers Ferry ein kleines Stück auf dem Appalachian Trail zu „Jefferson`s Rock“, einem Aussichtspunkt hoch über Harpers Ferry mit Blick auf den Shenandoah River, gewandert sind. Das herbstlich verfärbte Laub lässt den Wald zauberisch in der Sonne glühen und durch die tiefroten Blätter glitzern die Stromschnellen des Shenandoah, ein großartiges Naturschauspiel. Auf der Suche nach einem hübschen Lokal für einen Drink oder einen kleinen Happen fährt uns Wayne in die nahe Stadt Charles Town. Ihm schwebte die lokale Brauerei mit Ausschank vor, die aber wie alle anderen Gaststätten, einige wegen Personalmangel nach der Pandemie, geschlossen hatte. Da wir nun mal in Charles Town waren, sind wir noch schnell an dem Platz vorbeigefahren, wo man John Brown gehängt hat, den bekannten Befreier der Sklaven.

Auch heute Abend verwöhnt uns Susie wieder mit einem opulenten Mahl.

 

17.11. Harpers Ferry WV – Lexington VA

Heute hieß es für uns, von Thomas und Diana Abschied zu nehmen, die wieder zurück nach NYC fahren müssen. Aber der Abschied fiel nicht so tränenreich aus, weil wir uns ja am 23.11. in San Francisco wiedersehen werden. Die beiden haben vor, mit dem Zug von Harpers Ferry nach DC zu fahren und im Union Station in den Zug nach NYC umzusteigen. Das wird aber wohl ein Problem werden, da der Zug aus Chicago kommt und im Internet schon 1 Stunde 50 Min Verspätung hat. Wie wir dann später über WhatsApp erfahren werden, konnten sie einen späteren Zug nach NYC benutzen, der sogar noch schneller unterwegs war.

Wir fahren am frühen Nachmittag mit Susie und Wayne nach Lexington VA, wo sie uns in den nächsten Tagen in ihrem Haus verwöhnen werden. Die ca. 2 ½ stündige Fahrt unterbrechen wir in Staunton, wo Susie uns ihren Arbeitsplatz über mehrere Jahre an der Uni zeigt. Das wunderbare, immer noch milde Wetter zaubert ein unvergleichliches Abendrot über den Himmel von Staunton. Damit Susie nicht gleich nach der Ankunft sich in der Küche um ein Abendessen kümmern muss, wollen wir in einem bekannten und beliebten Restaurant in Staunton dinieren. Aber auch hier werden wir an der verschlossenen Tür über den Personalmangel belehrt. Gottseidank hat ein indisches Restaurant geöffnet und bietet uns ein leckeres Mahl.

Wayne muss nun die letzten 50 Meilen im Dunklen fahren, was seine ganze Konzentration erfordert. Und dann freuen wir uns wieder an dem wunderschönen alten Haus unserer Freunde, in dem wir bis zum 21. 11. gastfreundschaftlich aufgenommen werden.

 

18.11. Lexington VA

Nach all den turbulenten Tagen in den großen Städten genießen wir die freundliche Ruhe und Geborgenheit in dem schönen alten Haus von Susie und Wayne in Lexington. Katrin probiert einen Friseursalon aus und schlendert mit Susie durch die hübsche Kleinstadt, ich besuche bei einem längeren Spaziergang mit Wayne den Campus der Washington & Lee.  Die Laubfärbung der Bäume bildet einen wundervollen Kontrast zu den weißen Gebäuden im Südstaatenstil. Wayne berichtet, dass sich einiges gegenüber 2018 geändert hat. Es habe eine heftige Debatte um die Änderung des Uni-Namens gegeben: vor allem die Studenten wollten den Namen des bekannten Südstaaten-Generals Robert E. Lee aus der Unibezeichnung streichen, weil er für die Sklaverei gekämpft habe. Einflussreiche Geldgeber hätten schließlich die Streichung des Namens verhindert, aber die Universitätskapelle, in der der General und Förderer der Uni begraben liegt, heißt nunmehr einfach University Chapel und nicht mehr Lee Chapel. Inzwischen sei auch der Anteil der farbigen und Latino-Studenten deutlich gewachsen. Damit sei der alte Spitzname für die W&L „white and loaded“ (weiß und betucht) nicht mehr uneingeschränkt zutreffend.

 

In den Nachrichten von CNN erfahren wir, dass die Jury im Rittenhouse-Prozess in Wisconsin den Angeklagten von der Schuld der bewussten Tötungsabsicht freigesprochen hat. Entsprechend stark fielen die landesweiten Proteste aus. Selbst der Präsident äußerte bei allem Respekt vor dem Spruch der Jury seine Kritik an dem seiner Meinung nach ungerechten Urteil.

 

19.11. Lexington VA, Monticello

Bei schönstem Herbstwetter besuchten wir heute die Villa von Thomas Jefferson, des dritten Präsidenten der USA. Wie üblich war der Eintritt in das Areal mit Führungen ziemlich heftig (28 $ p.P.), aber wie immer bestens organisiert mit Shuttle-Service und Gruppenführungen etc. Der Landsitz, von Jefferson selbst entworfen, liegt anmutig auf einer Anhöhe. Sein Stil verrät unverkennbar den Einfluss von Andrea Palladio, dessen Werke Jefferson bei Besuchen in Norditalien kennen und schätzen gelernt hat. Die roten Backsteine bieten einen eindrucksvollen Kontrast zu den weißen Säulen Fenster und Türlaibungen. Man kann sich vorstellen, dass diese Villa stilgebendes Muster für die typischen Südstaatenvillen geworden ist, gleichwohl kann bei einem Europäer, der die Original-Palladio-Villen kennt, Monticello nur mäßige Begeisterung hervorrufen. Immerhin gibt die Einrichtung des Hauses eindrucksvoll Zeugnis für den Geschmack und die wissenschaftliche Bildung des Besitzers: sein Schlafzimmer grenzt unmittelbar an sein Arbeitszimmer mit all den physikalischen und astronomischen Geräten. Die Führung, soweit wir das durch die Maske noch mehr verfremdete und für die große Gruppe relativ leise Vorgetragene überhaupt verstanden haben, erläuterte weniger die politische und historische Bedeutung Jeffersons als Autor der Declaration of Independence von 1774 und als einer der wichtigsten Staatstheoretiker der USA als vielmehr seine umstrittene Rolle als Sklavenbesitzer. Dieses Thema wurde dann noch vertieft durch eine eigens angebotene Slavery-Tour. Hier spielte vor allem seine Beziehung zu der Sklavin Sally Hemming, die ihm 6 Kinder geboren hatte, eine zentrale Rolle. Der Widerspruch zwischen Jeffersons politischem Bekenntnis zur Gleichheit aller Menschen, seiner theoretisch mehrfach geäußerten Kritik an der Institution der Sklaverei und seiner realen Lebenswirklichkeit, in der die Sklaverei auf den großen Gütern als ökonomische Bedingung hingenommen wurde, ist immer schon Anlass zu heftigen Diskussionen gewesen. Interessant ist jedoch, dass das Sklaventhema heute eine solch dominierende Stellung eingenommen hat. Die intelligenteste künstlerische Umsetzung dieses Themas hat 2014 Maxine Helfman mit Collagen von Präsidenten-Porträts, in denen Teilphysignomien von Schwarzen eingefügt waren, in dem kleinen Museum geliefert. Der beigefügten Erklärung kann man entnehmen, dass 12 der 18 Präsidenten vor dem Bürgerkrieg Sklavenbesitzer waren.

 

20.11. Lexington VA, Natural Bridge

Am letzten Tag haben uns Susie und Wayne zu einem Naturwunder 14 Meilen südwestlich von Lexington gefahren. Die Natural Bridge ist vor ca. 500 Millionen Jahren durch Auswaschungen entstanden, die der Cedar Creek, ein Nebenarm des James River, im Kalkstein hinterlassen hat. Bei einer Höhe von 67 m überspannt sie 27 m. Über sie führt der Highway 11. Dieses erstaunliche Naturwunder wurde schon von den Ureinwohnern verehrt. Georg Washington soll als königlicher Vermessungsingenieur hier auch seine Initialen hinterlassen, die wir vergeblich gesucht haben. Thomas Jefferson war so begeistert von dem Naturwunder, dass er das Gelände von König Georg III gekauft hat. Es ist klar, dass wir uns auch nicht dem Zauber dieser großartigen Naturbrücke entziehen konnten, zumal jetzt auch noch Reste der herbstlichen Baumfärbung die Kalkfelsen malerisch umrahmten.

Für den Rest des Tages genießen wir die wohlige Gastfreundschaft unserer Freunde und bereiten uns schon auf die Abreise morgen vor.

 

21.11. Lexington VA, Washington DC – San Francisco

Da die Reise zum National Airport „Ronald Reagan“ in Washington DC mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu planen ist, hat Susie uns eine Shuttlemöglichkeit organisiert. Wir wurden um 10 Uhr in der Jackson Av. abgeholt und nach dreistündiger Fahrt am Airport vor dem Check In der Alaska Airlines gebracht, welch ein bequemer Transport! Danke, Susie!  Da die Airline, von uns unbemerkt, den Flugtermin um zwei Stunden später angesetzt hat, konnten wir ganz entspannt die ganzen Prozeduren samt dem sehr inquisitorischen Sicherheitscheck bewältigen und noch eine kleine Mittagsmahlzeit zu uns nehmen. Kurz vor dem Boarding rief eine Angestellte der Airline per Lautsprecher mich aus der Reihe und bot uns den Wechsel von der 28. Reihe auf die beiden Plätze an dem Notfall-Ausstieg, dem ich wegen der größeren Beinfreiheit bereitwillig zustimmte. Im Endeffekt sollte ich allerdings den Tausch bereuen, weil wir nun durch eine winzige Luke nach draußen schauen konnten und die Mitfliegenden hinter uns ständig um uns herumturnten. Zu allem Überfluss wurde Katrin auch noch angeherrscht, weil sie die durch die Maske genuschelten Fragen, ob sie im Notfall auch die Kommandos der Bordmannschaft verstünde, nicht gleich richtig beantworten konnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir noch mal in die Verlegenheit kommen, mit Alaska Airline zu fliegen. Aber sollte es passieren, dann werden wir auf jeden Fall eine Alternative suchen. Jetzt haben wir auch verstanden, warum der Flug relativ preiswert war. Denn nicht nur die Ausstattung, sondern auch der Service waren ausgesprochen spartanisch.

Nach 6 Stunden Flug landeten wir ca. 20 Uhr Ortszeit in San Francisco. Ein mildes Lüftchen und ein makelloser Abendhimmel mit Vollmond begrüßten uns an der kalifornischen Westküste. Unser Taxi hatte in Downtown große Mühe zu unserem Hotel am Union Square zu finden, da die Polizei alle Zufahrten abgesperrt hatte. Später erfuhren wir, dass bewaffnete Banden einige Luxusgeschäfte rund um den Union Square am Tag zuvor ausgeraubt hatten.

Im geräumigen Zimmer angekommen, das uns bis Samstag Heimstätte bieten wird, genehmigen wir uns noch einen Gute-Nacht-Schoppen auf der anderen Straßenseite in einem irischen Pub.

 

22.11. San Francisco, Cable Car, Fisherman’s Wharf, Powell Str.

Unser Hotel, Handlery Union Square, bietet mit seiner unmittelbaren Nähe zum Union Square einen vortreffliche Basis , in Downtown San Francisco rasch überallhin zu kommen, meist sogar zu Fuß. Gerade mal 2 Blocks die Powell Str. hinab zur Market Str. und wir sind beim Start der berühmten Cable Car, die von Menschenkraft hier auf einer Drehscheibe in die entgegengesetzte Fahrtrichtung gedreht wird. Die Cable Cars sind bei Touristen nicht umsonst das beliebteste Fortbewegungsmittel in San Francisco, sie gelten eines der wenigen beweglichen National Historic Landmarks in den Vereinigten Staaten und stellen die einzige verbliebene Kabelstraßenbahn der Welt mit entkoppelbaren Wagen dar. Man kann sich nur wundern und freuen, dass dieses System seit fast 150 Jahren funktioniert, nach dem großen Erdbeben 1906 wieder aufgebaut und sämtliche Pläne der Stilllegung überstanden hat. So ist es ein großer Spaß, in den alten Wagen die steilen Straßen hinaufgezogen zu werden. Der Fahrzeugführer hat erheblich zu tun, die Bremsen und die Greifer mit großem Geschick und viel Kraft zu bedienen. Überraschender Weise ist die Schlange der Wartenden an der Market Str. überschaubar, so dass wir schon nach 20 Minuten auf den harten Holzbänken sitzen. Mit Knirschen und lauten Rollgeräuschen schleppt das unsichtbare Stahltau die Kabine die steilen Straßen hinan. Uns ist klar, warum die Cable Cars überlebt haben: selbst ein Bus hat hier Mühe, die Steigung zu überwinden. Leider hängen sich so viele Leute an die Außenhaltegriffe, dass uns die Sicht auf die steile Abfahrt an den Nordstrand versperrt wird. Es war trotzdem ein großes Erlebnis, mit diesem vorsintflutlichen Transportmittel befördert zu werden.

Die Sicht war trotz angenehm warmem Wetter so klar, dass die Golden Gate Brücke und die Gebirge, die den Nordteil der Bay begrenzen zum Greifen nahe schienen, das berühmte Alcatraz sogar in Schwimmnähe. Obwohl viele Läden und Restaurant wegen Personalmangels geschlossen hatten, verstärkte sich der Rummel, je mehr wir uns Pier 39 näherten. Als wir 2004 diesen berühmten Teil des nördlichen Küstenareals besuchten, hielt sich der Ansturm der Touristenmassen noch in Grenzen, obwohl wir zur Hauptsaison hier waren. Aber jetzt kam man sogar im November kaum durch das Menschengewirr. Nach einigem Suchen fanden wir sogar das Restaurant „Crab House“, in dem Katrin vor 17 Jahren mit Begeisterung eine Dungeness Crab (Kalifornischer Taschenkrebs) verzehrt hatte. Es war klar, dass sie dieses Vergnügen wiederholen wollte, während ich mich mit einer kalifornischen Fischsuppe, die auch nicht zu verachten war, begnügte.

Nach diesem unvergleichlich opulenten Mahl haben wir rasch die touristisch überlaufene Meile verlassen und uns zu Fuß auf den Heimweg gemacht im Bewusstsein, dass man die unvergleichlichen Straßen von San Francisco nur im Schritttempo so richtig erleben kann.

Wie in keiner anderen Großstadt streben Straßen so steil nach oben, dass die Autos nur quer zur Straße parken können. Dadurch ergeben sich immer wieder atemberaubende Blicke hinab in das Häusermeer oder hinauf auf die Hügel, wo die Straßen zu verschwinden scheinen. Das Gemisch aus traditionellen Holzhäuserfluchten im viktorianischen Stil, größeren Geschäfts- und fantasievollen Hochhäusern im Hintergrund schafft dieses einzigartige Stadtpanorama von San Francisco. Als wir dann erschöpft, aber voller Eindrücke, wieder zurück am Union Square ankamen, dunkelte es bereits und der vom Kaufhaus Macy’s gestiftete riesige Weihnachtsbaum funkelte in allen Farben. Die in den Geschäften rund um den Platz weihnachtlich geschmückten Schaufenster und die Eisbahn für die Schlittschuhläufer mitten auf dem Platz passten so gar nicht in diese auch am Abend noch milde kalifornische Luft und schon gar nicht zu unserer Stimmung. Erst jetzt entdeckten wir, dass die Luxusmarkengeschäfte entweder keine Waren in den Fenstern hatten oder mit Holzverschlägen abgeriegelt waren. Auch das exorbitante Polizeiaufgebot und die bei Einbruch der Dunkelheit abgeriegelten Straßen rund um den Union Square waren die Konsequenz der Einbruchserie am vergangenen Freitag, wie man in der Presse lesen konnte.

 

23.11. San Francisco, Top oft he Mark

Heute ließen wir es ganz ruhig angehen. Nach einem ausgedehnten Frühstück im Café Mason machte ich mich auf Richtung Chinatown, einen Friseur zu finden, während Katrin nicht umhin konnte, das Kaufhaus Macy’s  ausführlich zu begutachten. Und so trafen wir dann gegen Mittag beide erfolgreich wieder im Hotel ein, Katrin mit hübschen Sächelchen für uns beide, die sie schon für Black-Friday-Preise erstanden hatte, ich mit einer ordentlich gestutzten Haarmähne und mit ersten Eindrücken aus San Franciscos Chinatown.

Katrin hatte den intensiven Wunsch, noch einmal, wie vor 17 Jahren, auf Downtown im Sonnenuntergang und Dämmerlicht aus einer Rooftop-Bar hinunterzublicken. Ich erinnerte mich, dass wir damals im „Top of the Mark“ dieses für sie unvergessliche Erlebnis hatten. Also machten wir uns um 16 Uhr auf, die steilen Straßen hinauf zum Nob Hill zu erklimmen, um dann kurz vor Öffnung dieser Bar im 19. Stockwerk des Mark Hopkins International eingelassen zu werden. Da wir unter den ersten Gästen waren, führte man uns auch zu dem besten Platz mit Blick direkt auf die Transamerika Pyramid. Und der Zauber von vor 17 Jahren hatte nichts von seiner Wirkung eingebüßt: Die untergehende Sonne schnitt ein scharfes Relief in das Stadtpanorama, glitt tiefrot die steilen Straßen hinab, tauchte die ganze Bay im Norden in ein warmes Licht. Die Sicht war so klar, dass die Berge des Marin County, die Golden Gate Bridge und die Gefängnisinsel Alcatraz zum Greifen nahe schienen. Im sich ausbreitenden Dunkel von Downtown flammten die Lichter der Großstadt auf, ein unbeschreibliches Schauspiel, an dem wir uns schier nicht satt sehen konnten. Erst als die ganze Stadt in ihr Lichterkleid geschlüpft war und die Baybridge nach Oakland ihre Stahltrossen illuminierte, machten wir uns auf den Heimweg, um Diana und Thomas, die heute Abend von New York eingeflogen waren, im Hotel willkommen zu heißen.

 

24.11. San Francisco, North Beach, Coit Tower

Mit Diana und Thomas wollten wir an diesem Tage mal etwas nostalgisch die Hotspots der Hippie- und Beatnik-Bewegung der Sechziger Jahre aufsuchen und vielleicht noch etwas Atmosphärisches aus dieser Zeit schnuppern. Zunächst durchquerten wir auf der Grand St. Chinatown und fanden auch ein Juweliergeschäft, das Katrins gerissene Goldkette in 2 Stunden zu reparieren versprach. In San Francisco strömt Chinatown noch viel exotisches Flair aus, anders als in Washington DC. Kurz vor der Einmündung der Grant St. in die Columbus Avenue stießen wir auf ein kleines Sträßchen, das nach dem berühmtesten Dichter der Beatniks, Jack Kerouac, benannt ist. Die revolutionäre Ikonographie der Wandbilder deuteten darauf hin, dass wir auf dem richtigen Weg zu den 68igern waren. An der Ecke mussten wir unbedingt im Szenelokal „El Vesuvio“ der Beatniks einen Drink nehmen, auch wenn es noch früh am Tag war. Das Lokal, etwas heruntergekommen, ließ aber deshalb umso authentischer die Atmosphäre der 60iger Jahre spüren. Nicht nur die Wandbilder, die Lampen, selbst das Mobiliar schien unverändert. Mit einem frisch gezapften Bierchen überbrückten wir die Zeit, bis der berühmte Buchladen und Verleger der Beatnik-Literatur „City Lights Bookstores & Publishers“ öffnete. Neben den aktuellen Auslagen werden im Obergeschoss die eigenen Produktionen vor allem der Werke von Ginsberg, Kerouac, Erich Fromm u.a.m. angeboten, ein echter Flash-back in die eigene Jugend- und Studentenzeit. Ergänzt wurden die ganzen nostalgischen Wiederentdeckungen durch die echte, noch in Betrieb gehaltene, Jukebox im Cafe Trieste. Das Beat-Museum an der Colombus Av. Ecke Broadway hatte leider wegen Corona geschlossen, was die älteste Toplessbar unmittelbar davor auch nicht wettmachen konnte, weil sie ohnehin zu dieser Stunde nicht geöffnet hatte.

Hoch auf dem Telegraf Hill lockt der Coit Tower mit einer grandiosen Aussicht über San Francisco zum Hochsteigen auf den steilen Straßen ein. Ein schon fast antiker Fahrstuhl aus den 50iger Jahren brachte uns auf die Aussichtsplattform. Von dort eröffneten sich in der Tat atemberaubende Blicke nach Norden auf Fisherman’s Wharf, auf Alcatraz und die Berge des Marin County: Die Luft war so klar, dass man die Details im scharfen Relief, das winterliche Nachmittagssonne in die Landschaft schnitt, zum Greifen nahe erblicken konnte. Im Westen war der Presidio Hill und die Golden Gate Bridge Blickfang, im Süden boten die Wolkenkratzer des Financial District, im Osten die Bay Bridge, Oakland und Berkeley Blickfänge ohne Ende.

Diana und Thomas wollten an ihrem ersten Friscotag natürlich auch nach Fisherman’s Wharf hinunterlaufen und vielleicht eine gute Clam Chowder in einem der vielen Lokale genießen. Katrin und ich schlenderten die steilen Straßen vom Telegraf Hill hinab zum Washington Square, dem Herzstück des North Beach Viertels und ließen uns von dem stark frequentierten Restaurant „Pizza Napoletana“ zu einem frühen Abendessen verführen. Da wir uns im italienischen Viertel befanden, dachten wir, eine angemessene italienische Küche anzutreffen. Allerdings warnten mich schon die zwei Daumen dicken Pizzas, die anderen Gästen serviert wurden, dass wir wohl keine originale italienische Küche antreffen würden. In der Tat war auch die bestellte Pasta so schlecht, dass wir die Phantasie hatten, dass man diese Köche in Italien für ihre schlechten Produkte Spießrutenlaufen lassen würde. Nur der italienische Pinot Grigio konnte die schlechte Stimmung aufhellen.

 

25.11. San Francisco, Berkeley, Thanksgiving Einladung

Eigentlich wären wir gerne mit der Fähre vom Embarcadero nach Oakland gefahren zum Jack London Square und von dort mit der Bay Area Rapid Transit (BART) nach Berkeley gefahren. Da aber heute an Thanksgiving  überhaupt keine Fähren verkehrten, entschieden wir uns für die abgespecktere Version: Oakland auslassen, mit der BART direkt nach Berkeley fahren. An der Haltestelle Markt/Powell St. mussten wir uns erst einmal umständlich Karten für die BART aus dem Automaten kaufen und dann aufladen, bis wir das eindrucksvoll schnelle Transportmittel, das schon seit 1972 die Bay Area verbindet, benutzen konnten. Damit verfügt ganz im Gegensatz zu anderen großen Städten der USA die Region San Francisco über ein gutes und funktionierendes öffentliches Nahverkehrsnetz. Leider führt die Strecke durch einen Tunnel unter der Bay hindurch, so dass man erst wieder bei den hässlichen Hafenanlagen von Oakland ans Tageslicht gelangt. Immerhin stiegen wir nach 35 Minuten rasender Fahrt in Berkeley Downtown aus. Das riesige Campusgelände liegt in einem Park mit lauter eindrucksvollen Redwood-Bäumen, die Katrins ganzes Entzücken hervorriefen. Die Universität von California in Berkeley (Cal) wurde 1868 gegründet, wird als die beste staatliche Universität der Staaten betrachtet (immerhin sind 107 Nobelpreisträger aus ihr hervorgegangen) und wird gegenwärtig von 41.000 Studenten besucht. Leider konnten wir wegen Thanksgiving kein studentisches Treiben auf dem Campus erleben. Die vielen eindrucksvollen Gebäude der verschiedenen Fakultäten lassen erahnen, welche Atmosphäre hier auf dem Campus herrscht. An dem Motto der Uni am Eingangsportal "Fiat Lux" (es werde Licht) kann man ablesen, wie sehr sich Berkeley dem aufklärerischen Geist verschrieben hat. Deshalb sprang auch von hier der Funke der Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg Ende der 60iger Jahre auf das ganze Land über. Auch heute noch herrscht auf dieser Uni, wie man lesen kann, ein liberalerer Geist als in den meisten anderen Hochschulen der USA. Den berühmten People’s Park, auf dem die Studenten sich damals zu Sit-ins und Protestveranstaltungen getroffen haben, bevölkert nun eine Zeltstadt von Obdachlosen. Eine merkwürdige Renaissance des Anti-Establishments: damals die Aussteiger, heute die Ausgestoßenen, ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft?

Nach einer mäßig guten Nudelsuppe bei einem Chinesen traten wir die Rückfahrt an, um uns rechtzeitig auf das Thanksgiving Fest vorzubereiten. Ein Taxi bringt uns südlich vom Airport nach Burlingame, wo die Mutter der Cousine 2. Grades von Diana wohnt. Dort werden wir zusammen mit Diana und Thomas aufs herzlichste zum Thanksgiving-Fest willkommen geheißen. Es ist für uns eine große Ehre und ein außerordentliches Vergnügen, dieses Fest der Feste für die amerikanische Gesellschaft in einer Familie hautnah zu erleben. Neben dem köstlich zubereiteten Turkey gab es noch allerlei Gemüse, und sonstige Beilagen. Die Köstlichkeiten wurden alle auf einer lazy Susie an dem großen runden Tisch herumgedreht, so dass jeder zwanglos zugreifen konnte, was immer er begehrte. Und davon gab es wirklich viel. Ohne es zu merken, haben wir viel mehr verzehrt als sonst, weil alles so köstlich schmeckte. Die Freundlich- und Herzlichkeit, mit der wir in die Familiefeier aufgenommen wurden, haben uns sehr beeindruckt. Wir bedanken uns bei Diana und ihrer Familie für dieses große Erlebnis.

 

26.11. San Francisco, SFMOMA, Embarcadero, Top oft he Markt (zum zweiten Mal)

Unser letzter Tag in Frisco: An dem einzigen Tag unseres Aufenthaltes, an dem das San Francisco Museum of Modern Art offen ist, müssen wir natürlich dieses bedeutende Museum besuchen. Schon der Bau des Schweizer Stararchitekten Mario Botta sticht eindrucksvoll aus der Baumasse südlich der Market St. heraus. Unsere Begeisterung von 2004, als wir das Museum zum ersten Mal besuchten, fanden wir auch diesmal äußerst bestätigt. Aus dem riesigen Repertoire setzten wir Schwerpunkte bei den deutschen Künstlern der 60iger Jahre: Anselm Kiefer und Gerhard Richter. Eine unglaublich gute Sammlung der beiden Künstler aufs beste präsentiert, nahm uns eine geraume Zeit in Anspruch, während wir an der modernen Medienkunst eher uninteressiert an vorbeiliefen. Ähnlich begeistert waren wir von der unglaublich reichhaltigen Sammlung von Werken der amerikanischen Künstlerin Joan Mitchel. Wir ertranken fast in dem abstrakten Farbenrausch dieser großformatigen Bilder. Ein absoluter Höhepunkt erwartete uns in dem riesigen Wandgemälde von Diego Rivera, das er anlässlich eines Besuches in San Francisco 1940 gemalt hat mit der Intention, dass sich die historische Tradition Mexicos und der technische Fortschritt der USA zu einer der fortschrittlichsten Regionen der Welt vereinen könnte. In dem Gemälde erkennt man allerlei bekannte Persönlichkeiten: natürlich Frida Kahlo, aber auch Paulette Goddard und Charlie Chaplin; und dann die großen Revolutionäre Nordamerikas: Simon Bolivar, Morelos und Hidalgo in trauter Einheit mit Washington, Jefferson und Lincoln. Die Botschaft von Rivera ist sehr klar zu dechiffrieren: die fortschrittlichen Kräfte beider Länder sollten sich verbünden.

Eigentlich wollten Thomas und ich heute mit der Fähre doch noch nach Oakland fahren. Obwohl der Fahrplan am Tag nach Thanksgiving offiziell wieder planmäßig bedient werden sollte, fuhr dann die Fähre doch nicht zur angekündigten Zeit und keine Information über Abweichungen war erhältlich. Also nahmen wir von diesem Plan Abstand, nahmen ein kleines Mittagssüppchen am Embarcadero (wegen der unverschämten Tippvorschläge, die bei 20 % anfingen, hatte ich hier zum ersten Mal überhaupt kein Trinkgeld gelassen, weshalb ich dann auch unsere Suppen aus der Küche holen musste), schlenderten durch den Financial District und reckten die Hälse den fantasievollen Hochhäusern entgegen.

An unserem 16. Hochzeitstag hatten wir Diana und Thomas zu einem Apero im „Top oft the Mark“ einladen, um auch unseren letzten San Francisco Tag würdig abzurunden. Der Sonnenuntergang, beobachtet vom höchsten Punkt der Stadt, verfehlte auch heute nicht seine Wirkung. Das Spiel der letzten Abendröte und das Aufflammen der Großstadtlichter inszenierten ein unglaubliches Schauspiel. Kann man seinen Hochzeitstag angemessener verbringen? Die Einladung Dianas in ein vorzügliches chinesisches Restaurant an der Grant St. rundete den gemeinsamen Abschiedsabend gourmetmäßig ab.

 

27.11. San Francisco, GGB, Stanford/Palo Alto, Monterey

Thomas hat einen geräumigen Mietwagen ab Flughafen SF gebucht, der auch all unser Gepäck aufnehmen konnte. Eben wegen dieses Gepäckes lassen wir uns mit dem Taxi zum Airport und den Autovermietungen fahren. In den vergangenen Tagen unseres Aufenthaltes in San Francisco haben wir bewusst die Golden Gate Brücke (GGB) und das Marin County im Norden der Bay ausgelassen, weil wir die Idee hatten, mit dem Mietwagen das Versäumte besser nachholen zu können. Schon die verstopften Straßen Richtung GGB ließen nichts Gutes ahnen. Als wir dann über die berühmte Brücke gefahren sind, mussten wir einsehen, dass am Sonntag nach Thanksgiving noch unzählige andere dieselbe Idee hatten. Es war völlig unmöglich, nach Sausalito zu gelangen, geschweige denn auf die Aussichtpunkte, von denen man den besten Blick auf die GGB und San Francisco im Hintergrund hat, so dass wir umkehren mussten und halt noch einmal die berühmte Brücke zurück nach Süden querten. So fügte es sich, dass wir nun schon wieder am Flughafen von SF im Süden der Bay vorbeifuhren (für uns alle Drei war das nun schon die vierte Berührung mit dem Airport innerhalb weniger Tage.) Da nun Marin County nicht geklappt hatte, nahmen wir als nächstes Ziel die Universität Stanford in Palo Alto ins Visier. Aber auch da war wegen eines Football-Spieles der Universität alles verstopft und die Zufahrten zum Campus unauffindbar. Uns erfreute aber das nette, sehr europäisch anmutende Städtchen mit viel Atmosphäre, so dass wir hier eine verlängerte Pause mit einem verspäteten Lunch genießen konnten. Schon im Dunklen musste Thomas die restlichen 90 Meilen über den Freeway 101 und dann später auf dem Highway 1 nach Monterey bewältigen. Ziemlich erschöpft checkten wir dann im Hotel ein, zu müde, um noch ein Restaurant für ein Dinner aufzusuchen.

 

28.11. Monterey, Pebble Beach, Carmel, Aquarium

Traumhaftes Wetter lockte uns schon früh an den Pazifikstrand. Als eine der schönsten Straßen entlang der Halbinsel von Monterey gilt der berühmte 17 Miles Drive. Der Golfclub Pebble Beach, wegen des Umfangs des Geländes mit drei 18-Loch-Golfplätzen und des grandiosen Ambientes als einer der bedeutendsten an der Westlüste beleumundet, hat gottseidank seine Privatstraße gegen Gebühr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Am sog. spanischen Strand versperren so viele Kiesel jeder Größe den Zugang zum Sandstrand, dass man die Berechtigung des Namens (Pebble=Kiesel) deutlich spürt. Hier brandet der Pazifische Ozean mit voller Wucht an die vorgelagerten Felsbarrieren.

Mit dichten Zypressen ist das zerklüftete Kap „Cypress Point“ bewachsen. Der kleine Wanderweg führt zu grandiosen Ausblicken auf die Felsen und die Brandung. Der harzige Duft der uralten Bäume vermischt sich mit der salzigen Meeresbrise zu einem anregenden Duft. Die Farbenpalette reicht von den dunkelgrünen Zweigen, den grauschillernden mit Flechten und Moosen bewachsenen Stämmen, den roten Felsen bis zum tiefen Himmelsblau, den graublauen Wogen und der weißen Gischt. Wir konnten uns nicht sattsehen und versuchten diese atemberaubenden Bilder tief in uns aufzunehmen. Malerischer Höhepunkt des 17 Miles Drive ist zweifellos die „Lone Cypress“, die auf einer Felsenklippe einsam vor der unglaublichen Kulisse der Big Sur Küstenlinie den Stürmen trotzt. Im gleißenden Gegenlicht wirkte die ganze Szenerie wie eine japanische Tuschezeichnung.

Der 17 Miles Drive endet im kleinen Küstenort Carmel, auch vielen bekannt durch Clint Eastwood, der hier von 1986 – 1988 Bürgermeister war. Für uns war der schnuckelige kleine Küstenort ( 4.000 Einwohner) wegen einer de ältesten spanischen Missionsstationen interessant. Die Mission San Carlos Borromeo's ist die zweitälteste der 21 von den Franziskanern gegründeten Missionsstation in Kalifornien. Der Franziskanermönch Junipero Serra hat sie 1770 in Carmel geründet. Das Museum illustriert mit vielen verstaubten Exponaten die nach europäischen Maßstäben kurze Geschichte. Auch die relativ schlichte einschiffige Kirche reißt einen Kenner europäischer Kirchenarchitektur nicht eben hin. Sie ist im Grunde nur eine schlichte Frontkirche mit Missionsauftrag. Eine erfolgreiche Missionsstation war natürlich nicht nur mit einer Kirche und einem Kloster ausgestattet, sondern auch mit einem Hospital, einer Schule und einem Markt. Entsprechend groß ist auch der eingefriedete Hof mit einem eleganten Brunnen. Bei allem wohltätigen Wirken der Franziskanermönche darf man aber auch ihren Glaubenseifer nicht vergessen, der sie, als Träger und Akteure zusammen mit den Dominikanern in der Inquisition, die vermeintlichen Glaubensfeinde in der Neuen Welt hat gnadenlos verfolgen lassen. In Carmel ist es am Sonntag nicht leicht, ein Restaurant für ein kleines Lunch zu finden. Nach einigem Suchen war es uns gleichwohl gelungen, so dass wir gemütlich speisen und dann doch noch rechtzeitig zur vorgebuchten Zeit in das Aquarium von Monterey gelangen konnten.

Am Ende der durch John Steinbeck berühmt gewordenen Cannery Row befindet sich das berühmte Aquarium. Als wir vor 17 Jahren diese Einrichtung besuchten, waren wir total hingerissen von der Neuartigkeit der Präsentation und den z.T. unglaublich interessanten Becken. Inzwischen ist das Aquarium etwas in die Jahre gekommen und von ähnlichen Aquarien an Attraktivität überholt. Dennoch sind die Becken mit den verschiedenen Quallenarten, den lustigen Ottern und der unglaublich geräumige Tank mit der Unterwasserwelt der kalifornischen Küste eindrucksvoll genug. Der touristische Rummel in der Cannery Row und an Monterreys Fisherman’s Wharf hält sich, auch am Sonntag, im Vergleich zum gleichnamigen Ort in San Francisco angenehmerweise in Grenzen.

 

29.11. Monterey, Big Sur

Heute stand der erste Teil des Highway Number 1 von Carmel bis Morro Beach, besser bekannt als Big Sur, auf dem Programm. Dieser Abschnitt ist so atemberaubend, dass man ihn auch nach 17 Jahren noch einmal mit Genuss befahren kann. Gottseidank gibt es viele Vista Points, um in die tosende Brandung hinunterzuschauen und auf die vom feinen Dunstschleier umflorte steile Küstenlinie im Gegenlicht. Unser erster Halt galt dem staatlichen Park „Point Lobos“ südlich von Carmel. Ähnlich wie beim Cypress Point gestern führt der kleine Rundwanderweg durch einen lichten Wald mit uralten Zypressen. Immer wieder öffnen sich Blicke auf die zerklüftete Küste und die donnernde Brandung. Auf den Klippen weit draußen räkelten sich Scharen von Seelöwen, allerdings so weit entfernt, dass man sie nur mit einem Fernglas erblicken konnte. An diesem wilden Küstenabschnitt findet man so gut wie keine Ansiedlungen. Lediglich kleine Tankstellen und einfache Raststätten bieten ein bescheidenes Angebot. Die etwas versteckte Einfahrt zum Pfeiffer Beach fanden wir erst beim zweiten Anlauf. Aber die Mühe hatte sich gelohnt: so nahe kommt man der Brandung und den Felsen des Big Sur nur an wenigen Stellen. Die wenigen Besucher störten nicht den Eindruck einer ganz intimen Begegnung mit dem Pazifik. Durch ein Felsentor rauschte die weiß schäumende Brandung und der Spaziergang an dem langen Strand im intensiven Nachmittagslicht schenkte ein unvergessliches Erlebnis. Die einmalige Landschaft des Big Sur ließ die Rückfahrt nach Monterey, wo wir drei Nächte geblieben sind, nicht langweilig werden, im Gegenteil: das Abendlicht zauberte noch einmal ein ganz anderes Relief dieser großartigen Küstenlandschaft.

Wenn man das Meer so gegenwärtig spürt, dann eignet sich natürlich ein Fischmenü als krönender Abschluss. Deshalb hatten wir das im Internet sehr empfohlene Monterey Fishhouse für das Dinner reserviert. Leider stellte sich der Besuch weder von der Qualität noch vom Preis-Leistungsverhältnis als „krönender Abschluss“ des Big Sur Tages heraus.

 

30.11. Monterey, Big Sur, Buellton im Santa Ynez Valley

Dass wir den ersten Teil des Highway No.1 nun auch zum dritten Mal befuhren, zumindest das erste Drittel, schmälerte die Attraktivität keineswegs, zumal Thomas durch den Fahrerwechsel heute in den Genuss der uneingeschränkten Sicht kam. Heute machten wir einen ausgiebigen Halt an der Bixby Creek Brücke, die mit 79 m die höchste einbogige Brücke der Welt ist. 1932 erbaut, gehörte sie damals zu den erstaunlichsten Ingenieurleistungen und heute noch zu den bekanntesten Brücken der USA. Vermutlich ist sie deshalb auch das wohl am meisten verbreitete Fotomotiv am Big Sur. Unsere Fotos gesellten sich dazu, warum denn auch nicht? Auch heute stieg leichter Dunst vom Meer die steilen Hänge hinauf und verschleierte das scharfe Gegenlicht. Der Highway verfolgt sehr kurvenreich die vom Meer aus dem Felsen gesägte Küstenlinie, bis sich bei San Simeon das Gelände leicht abflacht. Leider konnten wir die bekannte Villa des Medienmogul Hearst in den Bergen nicht besuchen, wurden aber weidlich entschädigt durch die unzähligen Seelöwen, die sich faul am Strand dem Mittagschlaf hingaben. Hunderte von diesen gewaltigen Tieren räkelten sich in der Sonne. Es muss wohl eine besondere fischreiche Bucht sein, die so viele dieser Giganten ernährt. Das wissen wohl auch die Pelikane, die sich hier ebenfalls in Scharen eingefunden hatten. Es war ein besonderes Erlebnis, diesen eindrucksvollen Seelöwen oder „Seeelefanten, wie sie hier genannt werden, so nahe zu sein, und zu erleben, dass sie sich überhaupt nicht durch die Anwesenheit vieler Menschen gestört fühlten.

In der Dämmerung erreichten wir das Santa Ynez Valley, wo wir in Buellton ein schönes Hotel für 2 Nächte gebucht hatten. Unser Hotel „Sideways“ ist nach einem bekannten Film genannt, der  2004 nicht nur im Santa Ynez Valley, sondern sogar in unserem Hotel gedreht worden ist. Der Versuch, noch ein schmackhaftes Dinner irgendwo zu erwischen, versandete in einem Pizza-Restaurant mit sehr zweifelhafter italienischer Kochkunst. Dass wir in einer dänisch besiedelten Gegend gelandet waren, ließ sich aus dem Ambiente von Buellton nicht ablesen.

 

01.12., Buellton, Solvang, Santa Barbara

Im Nachbarort Solvang lassen die dänischen Siedler, die sich im Santa Ynez Tal vor ca. 100 Jahren niedergelassen haben, keinen Zweifel an ihrer Herkunft aufkommen. Das Städtchen ist nostalgisch im dänischen Fachwerkstil nachgebaut; natürlich dürfen Windmühlen und Hamlet, zumindest als Kneipenname, auch nicht fehlen. Auf uns wirkt dieser nachgemachte Touch nordeuropäischer Atmosphäre im sonnigen Kalifornien, der zu einer Touristenattraktion ersten Ranges avanciert ist, nicht nur kurios, eher kitschig. Auch hier spielte die Handlung des bereits erwähnten vielfach preisgekrönten Films „Sideways“. Uns interessiert allerdings mehr die 1806 eröffnete spanische Mission Santa Inès, die dem Tal den Namen gegeben hat. Ähnlich wie schon in Carmel beeindruckt das große umfriedete Areal und der wunderschöne Missionsgarten. Die einschiffige gedrungene Kirche erinnert in ihrem schlichten Stil ebenfalls an Carmel. Von stattlichen Bergen umgeben, bietet das anmutige Tal Anbaufläche für viele Winzereien, die, wie wir uns überzeugen konnten, durchaus beachtliche Weine produzieren.

Der Pass, den wir auf dem Weg nach Santa Barbara überwinden mussten, bot einen beindruckenden Blick auf das Tal und die Randberge. Von dort aus erblickten wir allerdings auch, dass vom Pazifik her dicker Nebel auf die Küste zustrebte, der dann im Ort die palmengesäumte Strandpromenade geisterhaft einhüllte, ein durchaus interessantes Szenario. Thomas hatte ein vom Reiseführer empfohlenes Fischrestaurant auf der Seebrücke von Stearn`s Wharf im Auge, das im Gegensatz zu den anderen Etablissements sehr gefragt war und uns nach einigem Warten nur einen Platz am Küchentresen übrigließ. Aber von dort konnten wir das meisterhafte Hantieren mit Töpfen, Pfannen und Fischprodukten beobachten und uns auf ein äußerst schmackhaftes Menü freuen.

Santa Barbara überzeugt durch eine einheitliche Bebauung in einem an die spanische Kolonialarchitektur erinnernden Stil, keine Hochhäuser, viel Grün dazwischen und natürlich überall Palmen und subtropische Pflanzen. Auch wenn die Hauptstraße durch die übliche Kommerzialisierung etwas abtörnt, hält sich der Rummel in angenehmen Grenzen und schon die Nebenstraßen geben eine authentische Atmosphäre dieser wunderschönen Stadt wider. Das Bürgermeisteramt ähnelt einem kleinen spanischen Palast, während das beeindruckende Justizgebäude ein großartiges Beispiel repräsentativen Neokolonialstils abgibt.

 

02.12. Buellton, Los Angeles, San Diego

Unsere letzte Etappe zum südlichsten Punkt unserer USA-Reise war von der Entfernung her überschaubar, so dass wir den Vormittag mit den Abreisevorbereitungen in unserem schönen Hotel in Buellton gemütlich und ohne Hektik verbringen wollten. Wir hatten aber nicht mit dem irrwitzigen Verkehr auf den Highways durch den Großraum L.A. gerechnet, so dass für Thomas die Fahrt in den Süden zu einem frustrierenden Stopp-and-Go-Trip ausartete. Erschwerend kam hinzu, dass sich der Küstennebel mit den Abgasen zu einem beißenden Smog verdichtet hatte: die Hochhäuser von Downtown L.A. waren nur als schwache Silhouetten zu erahnen. Da weder Rushhour- oder Wochenendverkehr als Ursache für den dichten Verkehr und die endlosen Staus gelten konnten, blieb nur die Ahnung des alltäglichen Wahnsinns auf den Straßen in dieser Megalopolis. Ziemlich ermattet und länger als erwartet unterwegs, waren wir dann froh, in San Diego anzukommen. Die angemietete Ferienwohnung bot für uns Vier gut Platz und war, auch wenn sie wenig abgewohnt und nur leidlich gepflegt schien, im Ganzen ausreichend komfortabel, vor allem die wohl modernisierte Kücheneinrichtung. Der große Vorteil dieser Wohnung allerdings war ihre unmittelbare Nähe zum Mission Beach, einem der schönsten Strände im Raum San Diego. Wir hatten so eine Ahnung, dass wir es hier gut eine Woche aushalten werden.

Gleich um die Straßenecke bot sich eine Kneipe für ein kleines Dinner nach der anstrengenden Fahrt an. Das „Pennant“ macht außer der üblich kitschigen Weihnachtsbeleuchtung auch noch effekthaschend durch eine aufgeblasene Weihnachtsfigurenarmada weithin auf sich aufmerksam: von Schneemann, über Santa und die gewohnten Elche grüßen auch ein Schwein und ein undefinierbares Wesen vom Flachdach herunter. Diese im Dunklen auch aufreizend illuminierte Weihnachtsdekoration wies uns wie ein Leuchtturm schon sehr früh im Straßengewirr darauf hin, wo wir nach links in die Gasse zur Ferienwohnung abbiegen musssten. Drinnen tobte der Bär, offenbar war das Lokal ein bekannter Rentnertreff. Da passten wir doch ganz gut dazu.

 

03. – 09. 12. San Diego

 

Mission Beach, Coronado Insel

Obwohl am Morgen des Mittwochs der Pazifik dicken Hochnebel auf die Küste zutrieb, genossen wir doch einen ausgedehnten Spaziergang an diesem endlos langen und hellgelb-feinsandigen Strand. Die insgesamt milde Salzluft machte das Waten durch den Sand und das Platschen mit den Füßen in den ziemlich kühlen Wellen zu einem erholsamen Erlebnis; ach all den erlebnis- und ereignisreichen Tagen ein angenehmer Ruhepunkt. So langsam wurde uns auch die besondere Geographie unseres Standortes zwischen dem Kilometer langen Strand und der Mission Bay bewusst. Die höchstens zweistöckige Bebauung und die alleeartigen hohen schlanken Palmen geben dem Quartier ein anheimelnd-gemütliches Gepräge, das zum Wohlfühlen geradezu einlädt. Das selbst zubereitete Mittagessen ließen wir uns dann in der Ferienwohnung schmecken, eine wohltuende Abwechselung zu den nicht immer qualitativ überzeugenden amerikanischen Restaurants.

Am Nachmittag leckte die Sonne die Nebeldecke auf, der tiefblaue Himmel und die klare Sicht animierten uns zu einer Fahrt auf die Coronado Insel. Die Straße führt über eine grandiose Brückenkonstruktion, die einen steilen Boden, damit große Schiffe darunter durchfahren können, mit einer kühnen Kurve vereint. Schon die Brückenfahrt ist ein Erlebnis, das nur noch von dem atemberaubenden Blick, der sich vom Ostufer der Insel auf das gegenüberliegenden Downtown von San Diego öffnet, übertroffen wird. Desungeachtet bleibt aber die Hauptattraktion der Insel das berühmte Coronadohotel, nicht nur weil Billy Wilder 1959 den bekannten Film „Some like it hot“ mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon hier gedreht hat, sondern weil das 1885 eröffnete ganz aus Holz gebaute Grandhotel, glänzend renoviert, immer noch in originalem Glanze zu bewundern ist. In vielem erinnert auch die Inneneinrichtung mindestens noch an die fünfziger Jahre und hat sich viel beeindruckende Atmosphäre bewahrt. Auf der Terrasse mit Blick auf den beherrschenden Speisesaalturm ließen wir uns einen Drink im goldenen Abendlicht schmecken, auch wenn er ein bisschen teurer war als anderswo.

 

Little Italy, Point Loma

Ähnliches Wetter begünstigte eine ähnliche Aktionsstruktur wie am Vortage, nur dass wir diesmal, angelockt von Empfehlungen des Reiseführers und des örtlichen Eventkalenders, im Stadtteil „ Little Italy“ ein kleines Lunch nehmen wollten. Die Schwierigkeit, einen Parkplatz zu ergattern, ließ eigentlich ein attraktives spannendes Event erwarten. Aber sowohl das eher gesichtslose Viertel als auch der mittelmäßig bunte Straßenmarkt konnten den Erwartungen nicht entsprechen, auch wenn Katrin und ich dann doch ein halbwegs nettes Straßenlokal finden konnten. Lustigerweise lernten wir einen Polizisten des San Diego P D Jack Benz kennen, dessen Familie aus Freiburg stammt. Das Gespräch hatte sich entzündet an der Aufschrift des Streifenwagens: „ San Diego Police Department – the finest of America“. Nach den Kriterien dieser Bewertung gefragt, begründete Jack Benz diesen Titel eher als Selbstevaluation.

Höhepunkt des Tages war unsere Fahrt zum Point Loma, der steil abbrechenden Südwestspitze von San Diego. Das Kap ist als staatliches Denkmal Kaliforniens dem portugiesischen Seefahrer João Rodrigues Cabrilho in spanischen Diensten gewidmet, der als erster Europäer 1542 am Point Loma an Land ging und damit als Entdecker Kaliforniens gilt. Er ist auf der Aussichtplattform in Form einer übergroßen etwas kitschigen Skulptur verewigt. Aber von hier hatten wir einen atemberaubenden Blick auf San Diego, und vom Leuchtturm auf der Anhöhe dann, gerade zur rechten Zeit, einen mit Wolken gemalten dramatischen Sonnenuntergang.

 

Zoo, Balboa Park

Dass der Zoo von San Diego allenthalben gelobt wird und als das interessanteste Highlight der Stadt gilt, konnten wir bei unserem Besuch durchaus bestätigen. Zunächst hatte uns der astronomische Eintrittspreis (60$ p.P.) abgetörnt. Bald setzte sich jedoch die realistische Einsicht durch, dass das Preisniveau in den USA im Vergleich zu Europa ohnehin völlig abgehoben ist und dass der Park nur so gepflegt und aufwendig gestaltet werden kann, wenn man den vielen hier Tätigen angemessene Löhne bezahlt. Auf einem riesigen Gelände, dass auch eine schluchtartige Einsenkung einschließt, sind die jeweiligen Habitate der Wildtiere so großzügig bemessen und mit dem jeweiligen an die Bewohner angepassten Ambiente und Bepflanzungen gestaltet, dass eine artgerechte Tierhaltung wahrscheinlich erscheint. Was uns auch überzeugte: die Tiergehege sind nicht wahllos oder nach Präsentationsgesichtpunkten angeordnet, sondern geographisch und landschaftstypisch, so dass z.B. die Tiere, die im afrikanischen Regenwald beheimatet sind, auch hier in enger Nachbarschaft leben. Thomas und mich interessierten zunächst die Affen, da wir ja beide nach dem chinesischen Kalender im Jahr des Affen geboren sind. Außer kleineren Primaten, bekamen wir leider keine Gorillas zu Gesicht, weil die in ihrem großen Gelände irgendwo Mittagschläfchen hielten. Als besonders eindrucksvoll haben wir das riesige Becken mit den Hippos erlebt. Da die eine Seite des kleinen Sees durch eine Glaswand abgegrenzt war, konnte man die Hippos auch unter Wasser beobachten und ihnen ungefährdet ganz nah kommen. Unter den zahllosen Tierarten, die wir bisher weder in einem Zoo, geschweige denn in freier Wildbahn, gesehen haben, sind uns Okapis, ein Tapir, ein Amur- und zwei Schneeleoparden, zwei malayische Tiger, ein Panzernashorn und zwei kalifornische Kondore besonders im Gedächtnis haften geblieben. Am bizarrsten und kuriosesten erschien uns der Sekretärsvogel, der seinen Namen einem Federbüschel hinter seinem Kopf verdankt, das wie ein Bund Schreibfedern aussieht. Er stakste so gravitätisch durch sein Gehege, dass es durchaus erheiternd wirkte. Eindrucksvoll fanden wir auch die Bepflanzung des Zooareals mit der jeweils den Klimazonen und der Geographie angepassten Flora. Das gewisse Alter des Zoos erkärt, dass z.B. in dem tropischen Bereich beachtliche Baumriesen und über die Felsen krakenhaft gewachsene meterhohe Würgefeigen anzutreffen waren. Für sein Alter aber ist der Zoo erstaunlich modern und überaus gepflegt. Will man jedoch eine Kleinigkeit essen, dann enttäuschen die auch für amerikanische Verhältnisse fantasielosen und fettigen Fastfood-Angebote. Eine ganz kuriose Situation erlebte ich, als mir bei der Bestellung eines kleinen Bieres als Beweis für meine Volljährigkeit (Erst ab 21 Jahren darf man in den USA Alkohol kaufen, Waffen dagegen schon mit 18!) mein Pass abverlangt wurde. Da ich nur das Foto des Passes auf dem Handy präsentieren konnte, wurde mir das Bierchen trotz meines durchaus reif wirkenden Aussehens und meiner angegrauten Haare verweigert. Glücklicherweise hatte Katrin ihren Perso dabei und teilte mit mir kameradschaftlich ihr Bier (kleine Büchse = 9 $).

Nicht so ganz einfach war es, vom Zoo aus den Balboa Park zu finden, obwohl beide relativ nahe beieinander liegen. Zur Feier der Eröffnung des Panama-Kanals wurde 1915 die Panama-Kalifornien Ausstellung eröffnet. San Diego wurde ausgewählt, weil es die erste US-amerikanische Hafenstadt nördlich des Panamakanals war. Der Balboa Park wurde als Standort gewählt und die Gebäude sollten die spanische Geschichte von San Diego reflektieren. Also erschuf man eine Fantasiestadt mit reich verzierten Gebäuden aus dem spanischen plateresken Stil, die aber in ihrem Gesamt-Ensemble mit der Parkgestaltung durchaus stimmig und keineswegs kitschig wirkten.

 

Gaslamp Quater, Altitude Sky Bar

Am Dienstag, unserem vorletzten Kalifornien Tag, gaben wir uns dem gemütlichen Schlendrian hin, denn das Wetter (in dem ganzen USA-Monat erst der zweite Vormittag mit regnerischem Wetter, was für eine sonnige Bilanz!!) verlockte zumindest in den Morgenstunden nicht gerade zu großen Unternehmungen. Außerdem benötigte Katrin für ein intelligentes und umsichtiges Kofferpacken, das auch alle die Mitbringsel berücksichtigt und das zulässige Höchstgewicht der Koffer nicht aus den Augen lässt, Muße. Dennoch blieb auch an diesem Tag Zeit und Gelegenheit für einen ausgedehnten Strandspaziergang.

Auch an dem folgenden, unserem letzten Tag in San Diego, fühlten wir keinen großen Drang zu umfangreicheren Exkursionen, zumal der warme Sonnenschein und das Abebben des die letzten Tage etwas unangenehmen kühlen Nordwindes uns anstachelte, doch mal ein Bad im Pazifik zu wagen. An die frische Wassertemperatur (höchstens 18°C) konnte man sich nach einem kurzen tapferen Zähnezusammenbeißen schon gewöhnen, aber der Kampf gegen die heftig anrollende Brandung ließ die Kräfte doch rasch erlahmen; im Ganzen ein tolles Gefühl, aus dem prickelnden Pazifikwasser in die mildwarme kalifornische Luft zu steigen und sich von der Sonne trocknen zu lassen, und das am 8. Dezember!

Von all den Sehenswürdigkeiten, die wir uns für San Diego vorgenommen hatten, blieb noch das Gaslamp Quarter übrig, in das wir am Nachmittag aufbrachen, um dann in der nahen Rooftop Bar „ALTITUDE Sky Lounge San Diego“ einen Abschiedsdrink und Sundowner zu genießen. Das als stimmungsvolles traditionelles Stadtviertel gepriesene Gaslamp Quarter enttäuschte mit einem eher mäßig attraktiven Gemisch als älteren und modernen nichtsagenden Hochhäusern. Wir trafen auch nicht auf die gepriesene Vergnügungsmeile mit vielen Restaurants und Bars, sondern eher auf ein atmosphärisch wenig herausragendes Gemisch aus Geschäfts- Wohnhäusern mit einigen Kneipen. Leider nahmen es die Angestellten der Rooftopbar mit den Öffnungszeiten sehr genau, so dass wir den erhofften Sonnenuntergang schließlich nicht erleben konnten. Aber das rotglühende Restlicht verzauberte dann schließlich das Gebiet um den Petco Park und das San Diego Convention Center, auch wenn der Blick vom 23. Stockwerk des Mariott Hotels nach Norden und Osten sehr eingeschränkt war. Dennoch haben wir die Drinks und die aufflammenden Lichter der südkalifornischen Metropole als schönen Abschied von einer wunderschönen Woche und als gemeinsamen Schlusspunkt einer langen Reise sehr genossen.

 

09. 12. San Diego – Los Angeles – Frankfurt – Batzenhäusle

Als gegen 5 Uhr morgens plötzlich der Strom wegblieb, kamen die schlimmsten Befürchtungen auf, dass wir bei dem maroden Stromnetz in diesem Land nun mit einem der gefürchteten längeren Blackouts konfrontiert waren. Die Fantasie, dass je nach Ausmaß vielleicht unser Flug von L.A. nach Frankfurt gefährdet sei, ja ganz praktisch das elektrisch betriebene Garagentor sich nicht öffnen lassen würde, ließ keinen Schlaf mehr zu. Als dann nach 1 ½ Stunden der Strom wieder zur Verfügung stand, war es ohnehin Zeit zum Aufstehen, Frühstücken und Aufbrechen. Das trübe Wetter, in der Nacht hatte es wohl auch ordentlich geregnet, machte uns den Abschied nicht allzu schwer. Wir waren froh, dass Thomas und Diana uns komfortabel die 200 km von San Diego bis zum internationalen Terminal, das nach dem langjährigen farbigen Bürgermeister von L.A. Tom Bradley genannt ist, mit dem Mietwagen gebracht haben. Wegen der allgemeinen Hektik am Terminal fiel der Abschied von den Beiden, die noch zwei Tage im Großraum L.A. verbringen wollten, leider sehr kurz aus. Es waren wunderschöne erlebnisreiche Wochen mit Euch in gewohnt guter freundschaftlicher Atmosphäre. Danke!!!

Die Formalitäten des Eincheckens und der Sicherheitskontrolle waren problemlos und rasch zu bewältigen, so dass noch Zeit für ein kleines Lunch blieb. Die kleine Bar „Vino Volo“ sollte wohl schon auf europäische Atmosphäre vorbereiten, blieb aber in der Qualität der Angebote unter europäischem Niveau, wohingegen die Preise dasselbe deutlich übertrafen, typisch für die USA, fanden wir nach 1 Monat Erfahrungen.

Obwohl wir relativ gute Sitzplätze mit für die Economy Class erstaunlicher Beinfreiheit hatten und die Lufthansa auch einen angenehmen Komfort an Bord bot, war bei dem knapp 10stündigen Flug an Schlaf kaum zu denken, so dass wir dann gegen 11 Uhr völlig übermüdet in Frankfurt bei eisiger Kälte eintrafen. Der ICE nach Freiburg pünktlich, die liebe Sigi am Bahnhof in Freiburg schon bereit, uns mit den schweren Koffern ins Batzenhäusle zu bringen, so kamen wir todmüde, aber glücklich in unserer schönen Wohnung an. Heidrun und Ulf hatten sie nicht nur angenehm vorgeheizt, sondern uns auch mit einer Nudelsuppe und einem weihnachtlich gedeckten Tisch herzlich empfangen. In der Hoffnung, dass wir den üblichen Jetlag überlisten könnten, hielten wir es bis zu örtlicher Schlafenszeit aus. Das bedeutete: 30 Stunden ohne Schlaf. Die nächsten Tage werden es zeigen, ob das nur eine trügerische Hoffnung war.

 

Ein paar abschließende Gedankensplitter zu unserem USA-Aufenthalt

Die Vereinigten Staaten sind ein so heterogenes und vielschichtiges Land, dass sich allgemeine Aussagen eher verbieten. Im Bewusstsein, dass meine Gedanken höchst einseitig-subjektiv sind, möchte ich dennoch ein paar Sätze formulieren, wie sehr sich aus meinem Erleben und als Eindruck aus unseren vielen Gesprächen miteinander und mit Freunden, dieses Land verändert hat. Ich möchte dies zusammenfassen, immer unter dem Vorbehalt, soweit wir es gesehen haben (weder die Ost-, erst recht nicht die Westküste können als durchschnittlich repräsentativ für das „normale“ USA gelten) aber da dies nun über 40 Jahre hinweg mein vierter Besuch war, drängt sich mir ein zumindest grober Vergleich auf.

Abgesehen von den unglaublichen Naturschönheiten, die einen Besuch dieses Landes immer empfehlen, hat uns auch die ungebrochene Vitalität erstaunt. Wir waren verblüfft, wie sich das von der Pandemie schwer getroffene New York wieder mit neuen Attraktionen und einer unvergleichlichen Lebendigkeit erleben lässt. Auch wenn unverkennbar viele Geschäfte und Restaurants diese Krise nicht überlebt haben, scheint diese Stadt vor lauter Vitalität auch jetzt „nie zu schlafen“. Die neuen Gebäude in den Hudson Yards, der brandneue rekordhohe Wolkenkratzer „Vanderbilt One“ , die künstliche Insel im Hudson beim Meat Packing Viertel, alles waghalsige, fantasiereiche Experimente, die von der ungebrochenen Lebendigkeit dieser unvergleichlichen Stadt eindrucksvolles Zeugnis ablegen.

Dagegen hat die Zahl der Obdachlosen und Bettler erkennbar zugenommen. Das trifft aber nicht nur auf NYC zu, gerade in San Francisco und Umgebung haben selbst für den oberflächlichen Blick des Besuchers die Obdachlosenheere zugenommen. Und was den Alltag der Menschen betrifft, die Preise für Lebensmittel, eigentlich für alle Lebensbereiche, wie wir auch in Gesprächen erfahren konnten, haben beträchtlich zugelegt. Im Gegenzug hat sich die Qualität der Produkte, auch des Service deutlich verschlechtert. Das trifft besonders auf die Gastronomie zu, auf die man ja als Reisender mehr als die Einheimischen angewiesen ist. Nicht nur in NYC, eigentlich überall, treffen krankhaft hohe Preise auf mäßig bis schlechte Angebote. Früher ist man den auch damals schon für europäischen Geschmack eher abschreckenden amerikanischen Dinern auf mexikanische, asiatische oder italienische Gastronomie ausgewichen. Aber auch diese Anbieter scheinen sich dem allgemeinen Niveau angeglichen zu haben und es fällt schwer, sogar in diesem Bereich richtig gute Restaurants zu finden. Ordentlich abtörnend wirkt dann, wenn man auf die schon saftigen Preise noch 15 – 30 % für den Service drauflegen soll. Wenn man bedenkt, dass, wie wir hören, die ohnehin schlecht bezahlten Angestellten im Wesentlichen auf dieses Trinkgeld angewiesen sind, zahlt man zähneknirschend die überhöhte Rechnung. Wenn dann auch der Service noch unfreundlich und muffelig daherkommt, fällt es schon schwerer. Stichwort „Service“, auch dies unter dem Vorbehalt der eingestandenen Subjektivität: waren wir bei früheren Besuchen von der Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der Dienstleister geradezu überrascht, so begegnete uns bei dieser Reise in der Regel, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, eher eine unfreundliche, ungeduldige und uninteressierte Mentalität, ob in der Gastronomie, im Laden oder an der Hotelrezeption. Wenn man in Rechnung stellt, dass eine Vielzahl der schlecht bezahlten Berufe nur mit zwei oder mehr Jobs auskommen können, dann versteht man die Müdigkeit und das mangelnde Engagement der Angestellten. Aber es spricht sehr für den Zustand dieses Landes, wie sehr es sich verändert hat und wie prekär das Leben einer großen Zahl von Amerikanern geworden ist.

Nach wie vor haben wir die umwerfende Herzlich- und Großzügigkeit unsere Freunde in Virginia erlebt. Auch in deren Umfeld sind uns nur überaus freundliche und aufgeschlossene Menschen begegnet. Aber das war wohl, zugegebenermaßen, eher kein repräsentativer Ausschnitt der amerikanischen Gesellschaft.

Vielleicht sind wir noch nicht ganz von dem hemmungslosen Kapitalismus amerikanischer Prägung angesteckt, dass uns die vollkommene Kommerzialisierung des ganzen Lebens so unangenehm aufgefallen ist. Wenn der einzige Wertmaßstab und Indikator gesellschaftlicher Reputation nur das Geld ist, dann sind die sozialen Verwerfungen, die tiefe Spaltung und die rücksichtlose Verschwendung von Natur und Ressourcen die logischen Konsequenzen. Die Chance, dass der neue Präsident Joe Biden die tiefe Spaltung dieses Landes mit seinem Politikansatz überwinden kann, beurteilen wir nach unserem Besuch eher als fraglich.

Bezeichnend auch für die moralisch tiefe Spaltung des Landes war der Rittenhouse-Prozess. Unsere Freunde, viele Amerikaner, ja selbst der Präsident waren entsetzt, dass eine Jury den 18jährigen Kyle Rittenhouse, der im vergangenen Jahr drei Menschen auf einer Demonstration erschossen und einen schwer verletzt hat, von allen Anklagepunkten freigesprochen hat. Umso unverständlicher ist dieses Urteil, als es nicht im erzkonservativen Texas, sondern in dem eher demokratisch regierten Wisconsin gefällt wurde.

So verlassen wir dieses Land eher mit Fragen und Skepsis. Gleichzeitig sind wir erfüllt von den Erlebnissen der unglaublichen Natur und der ungebrochenen Vitalität und Ausstrahlungskraft der Großstädte. Vor allem aber haben wir es sehr genossen, unsere Freunde in Virginia endlich wiedergesehen und mit ihnen wunderschöne Tage verlebt zu haben.